„Leute mitnehmen“?

Ich war wieder auf Veranstaltungen über digitale Themen. Die letzte war ein digitales Brunch. Leute saßen vier Stunden lang in einem großen Raum, hörten ein paar Männern zu, danach fragte jemand ob es irgendeinen Tipp gäbe, was man machen kann, das allen hilft.

Die Antwort? „Das ist individuell und es gibt keine Lösung, die für alle funktioniert.“

Ich war zu spät zu der Veranstaltung gekommen – ich war erst im Heimatmuseum ehrenamtlich tätig. Das Publikum, auch nach zwei Stunden, war unheimlich geduldig, weil man wahrscheinlich gehofft hat, etwas Praktisches mitnehmen zu können. Aber zum Schluss verkaufte der Organisator seine Dienstleistung, und das war es.

Die Veranstaltung hatte keinen Hashtag, damit auch keine Online-Präsenz. Ich saß glücklicherweise neben dem Vertreter der Stiftung, die Träger der Veranstaltung war, und hatte ein gutes Gespräch mit ihm. Aber das undercover Vernetzen  ging auch nicht: nachdem ich einen Hashtag erfunden hatte, fand ich heraus, dass er nicht korrekt war, weil es nicht ein Brunch dieser Organisation war, die da an der Wand stand.

Wenn der Hashtag schon in der Planung der Veranstaltung entwickelt geworden wäre und so von den Veranstaltern überall betont worden wäre, hätten sich die Teilnehmer damit vernetzen können und so schon zwei ihrer Probleme lösen können: Dass man nicht verbunden ist und nicht miteinander kommuniziert, und dass die ganze Veranstaltung Geld und Zeit kostete und nicht so viel gebracht hat.

Außer dem Organisatoren, der hoffentlich viel Interesse für seine Beratungsangebote bekommen hat.

Ich sage es mal wieder:

  • Es gibt keinen Grund, in Rostock nicht auch Veranstaltungshashtags anzubieten.
  • Veranstaltungshashtags bilden eine praktische Erfahrung von digitaler Kommunikation, die man Teilnehmern in einem Raum bieten kann. Keinen Hashtag anzubieten, heißt, man macht seinen Job als digitaler Berater nicht.
  • Wenn ich einen Veranstaltungshashtag suche und nicht finde, macht der Veranstalter seinen Job auch nicht richtig.
  • Das alles kann und muss geplant werden.
  • Und endlich, um zu meinem Titel für diesen Post zu kommen: So muss digitale Transformation auch mit Expertise und Verständnis geplant werden. Kommunikation ist persönlich und ändert sich nicht einfach, weil andere Technologie vorhanden und irgendwo dokumentiert ist. Der Nutzen neuer Kommunikationsmethoden muss demonstriert werden, so dass er für erwachsene, intelligente Leute offensichtlich ist. Und das passiert an verschiedenen Stellen, aber es kann in solchen Räumen, in denen wir uns befinden, um zu lernen, besonders einfach und ohne große Aufwendungen geschehen. Wenn man so über digitale Kompetenzen denkt, sind Menschen kein nachträglicher Einfall, die irgendwann, an irgendeinem Punkt „mitgenommen“ werden müssen.

Naja, ich hatte ein paar positive Gespräche. Keine Jobangebote oder Hilfsangebote oder Nachfragen oder ähnliches.

Ich würde mich mit einer Art Job zufriedengeben. Aber es scheint wirklich, dass ich nur ernstgenommen werde, wenn ich meine futuristische Art zu arbeiten mit den traditionellen Zeichen eines erfolgreichen Gewerbes kombiniere. Büro, Unternehmen, Telefonnummer, Angestellte.

Sicher, dann machen wir das halt jetzt.

(Das hört sich resigniert an, ich bin aber ziemlich inspiriert und habe sogar schon potentielle Mitstreiter und einen fünfseitigen Business Plan. Ich werde mir nicht noch einmal gefallen lassen, dass ein Schlagwort, das plötzlich für Unternehmen interessant und damit mit Geld beworfen wird, von Beratern ausgebeutet wird, die zwar kaufmännisch gut aufgestellt sind, aber sonst keine Expertise haben.

So war das schon einmal vor zehn Jahren, als Social Media modern wurde. Und es tut mir ja leid, dass ich jetzt manchmal Organisationen, die schon in diese geschäftstüchtigen Berater investiert haben, sagen muss, dass es besser gehen kann und muss. Ich weiß ja, dass ich mir damit keine Freunde mache.

Aber wir haben nicht noch zehn Jahre Zeit, um unsere Fehler zu bemerken.)

 

 

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Wer hat Angst vorm Plattenbau?

Ich habe ein paar bewegte Tage hinter mir. Vierteljährlichen Hautkrebs-Tüv ohne Probleme bestanden, bei Professor Baumbach zu Hause gewesen, und das war nur ein Tag. Mich über junge, linke, alternative Leute aufgeregt, die lieber auf die Straße gehen, um auf ihr Recht auf billigen Wohnraum im Stadtzentrum zu pochen, als ihre kreative Energien in die Plattenbau-Stadtviertel zu stecken. Und wieder ein Artikel über die soziale Trennung in Rostock.

Zeit, meiner Kampagne für mehr Kunst und Kultur im Plattenbau einen Namen zu geben. Na, WER HAT ANGST VORM PLATTENBAU?

Wie werden diese Viertel gesehen? Als soziale Brennpunkte, als Problemviertel, als Armenviertel.

Wieviel Kunst und Kultur gibt es im Rostocker Nordwesten mit seinen 47.000 Einwohnern für 20 bis 60-Jährige? Kaum welche.

Wer wird trotzdem für die Probleme beschuldigt? Laut OZ:

Aus Sicht der Stadtverwaltung ist die Hauptursache für diese Entwicklung der industrielle Wohnungsbau zu DDR-Zeiten.

Wir brauchen Kunst in der Platte, und wir brauchen Kunst über die Platte, darüber, wie sie sich selbst versteht. Ich bin in der Platte aufgewachsen, war dann lange weg und dann 2017 zurückgekommen, und ich weiß, dass dazwischen etwas schief gelaufen ist. Vorher waren es ganz normal populäre Wohnungen für ganz normale Leute, die alle wie alle anderen auch arbeiten gegangen sind.

Jetzt sind es plötzlich nur die da ganz #unten, die hier wohnen. Und sogar die Linken und Alternativen, die doch so gute Menschen und so kreativ sind, haben Berührungsängste und keine wirkliche Ahnung, wie es hier ist.

Die haben wirklich Angst.

Hat das etwas mit denen zu tun, die in diesen Vierteln wohnen? Ich wohne hier, und ich mache eine ganz andere Erfahrung. Ist es eher das Image dieser Viertel als „Problem“ und „schwach“, das von gut gemeinten Projekten immer noch vertieft wird?

Zitat aus dem Projekt „Kreise Ziehen“ der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst:

Wie entstehen Stereotypen von Orten, wie werden sie von außen gesetzt und von innen angenommen und weitergeführt? Wie operieren Bildstrategien in der Peripherie, die nicht von außen ein ›Image‹ überstülpen, sondern von den Bewohner_innen mit Eigensinn erarbeitet wurden?

Dazu ist die Entwicklung dieser Stadtteile wichtig. Der erste Schritt dieses Projektes ist also, ungenutzte Schaufenster mit Material aus den Archiven von Ulrich Müther und Professor Peter Baumbach zu füllen. Dazu gehören auch Arbeiten von Studenten, die sich mit diesen Bauten beschäftigen. Reproduktionen von Postern aus der Zeit. Fotografien mit dem Plattenbau als Fokus. Etc etc.

Dann als zweiter Schritt wäre ein permanenter Platz für Kunst in der Platte natürlich schön. Man könnte Menschen aus dem Netzwerk Ostmoderne einladen und Kunst und Veranstaltungen anbieten. Lesungen aus neuen Büchern zum Thema. Das Projekt Urbaner Kulturen. Es gibt auch die Neuen Auftraggeber, die diese Art Projekte unterstützen.

Jetzt ist das Wichtigste, dass wir auch die Immobilienverwalter auf unsere Seite bekommen. Im ersten Schritt werden keine Läden für Publikum geöffnet, sondern nur um zu säubern und Schaufenster zu gestalten. Das vereinfacht die Sache.

IMG_0613Falls wir mit zwei Läden anfangen können, ist der Schwerpunkt die Kolumbuspassage, die alle Fußgänger und Radfahrer begrüßt, die von der S-Bahn nach Schmarl kommen, und wo es auch bei der Bäckerei viel Fußfall gibt. Von dort kann sich das Projekt auf die gesamte Passage ausbreiten, ins Schmarl Zentrum und auf weitere Stadtteile. Material gibt es genug.

Was an diesem Punkt der Ausweitung sehr gut wäre, ist eine zentrale Anlaufstelle, wo leere Läden registriert werden können, die an dem Projekt teilnehmen werden, und wo sich Immobilienverwalter beruhigen können, das das alles eine gute Idee ist. Da würde das Katasteramt eventuell zuständig sein. Dort kann man dann Materialien über frühere Projekte dieser Art in anderen Städten sammeln – international gibt es die Empty Shops Network und auch in Deutschland gibt es viele Nachweise dafür, das solche Projekte ihre Umgebung positiv verändern und auch für die Besitzer und Verwalter der Immobilien Wert schaffen, weil die Umgebung „aufgewertet“ wird.

Alles ist besser als leere Fenster und verkommende Passagen.

Arbeiten aus und zum Müther-Erbe, Materialen aus dem Archiv von Professor Baumbach, das auch gerade in Berlin ausgestellt ist, Poster und Postkarten aus den Zeiten, in denen diese Viertel und diese Architektur nicht #unten waren. Das wäre ein Anfang.

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Ein Teil der Ausstellung des Müther-Archivs zur Verleihung des Titels „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ an den Teepott in Warnemünde

Eliten und Vorbilder

Ich war unterwegs! Ich bin eingeladen worden, um vor Leuten zu reden! Sehr spannend. Jetzt bin ich dabei, meine Eindrücke zu verarbeiten.

Ich habe über digitale Zusammenarbeit geredet. Vor mir hat Sabine Gillessen über D64 gesprochen. Die Leute im Raum haben alle Aufgaben im Rahmen der digitalen Transformation. Und keiner von ihnen ist digital vernetzt, keiner arbeitet online zusammen. Sie haben E-mail. Das Fax macht einen Comeback.

Es ist für sie normal, so zu arbeiten. Sie haben Leuten wie Sabine und mir vielleicht mal zugehört, aber keiner, den sie als Kollegen betrachten, arbeitet online, and wenn ja, sehen sie das nicht.

Hier scheinen sich zwei Gruppen entwickelt zu haben. Die Fronten verhärten sich. Sprache ist ein Teil davon. Die IT-Elite benutzt immer mehr Begriffe, die nicht verstanden werden können, wenn man kein Teil davon ist. Ich verstehe das natürlich. Kleine Gruppen zu bilden, mit ihrer eigenen Sprache und ihren eigenen Regeln, damit man sich besser fühlt als die, die noch nicht erleuchtet sind. Niemand kennt das besser als ich.

Ein Beispiel war: Barcamps. Das Wort trat auf, und als ich fragte, wer im Raum wusste, was das war, meldete sich niemand. Glücklicherweise habe ich es in meiner Präsentation erklärt. (Das Eingehen auf Barcamps und Unconferences war dann auch der einzige Teil, für den ich gutes Feedback bekommen habe.)

Ein anderes Beispiel war Kollaboration – ich habe es in meinem Vortrag benutzt, wurde dann danach aber darauf hingewiesen, dass es für die, die nicht Teil der IT-Elite sind, eine ganz andere Bedeutung hat.

Meine Schlussfolgerung von dem Tag ist also: Wir müssen uns mehr vermischen. Die, die tun, und die, die nicht tun. Das haben andere auch schon gesagt, aber für mich, in London, war das die Normalität und keine Utopie.

Ich denke also, dass ich hier etwas beizutragen habe. Brücken bauen. Einfach überall darüber reden, Events organisieren, langsam und allmählich etwas bewegen, mehr Leuten die neuen Arten der Zusammenarbeit zeigen.

Ich brauche Partner dazu. Chefs und andere Autoritäten, die man dazu bewegen kann, selbst gute Vorbilder zu sein.

Aber zunächst mal fange ich damit an, der Gruppe von vorgestern einen regelmäßigen Chat vorzuschlagen.

 

Gut gemeint

In English

Dieser Post hat nicht unbedingt etwas mit Technologie zu tun – außer vielleicht in der Hinsicht dass, wenn die betreffenden Personen ein wenig besser vernetzt wären, sie vielleicht mit ihren Aufgaben etwas aufmerksamer umgehen würden, vielleicht nicht in die erste Falle der Probleme anderer Leute gestolpert wären. Oh ja, und dann ist da noch die Plattform, die Organisatoren eigentlich dazu nutzen könnten, ohne die Engpässe der Zeitungen über ihre Veranstaltungen zu informieren, über die man aber viel aktiver informieren müsste. Also doch wieder das Internet.

Aber fangen wir am Anfang an.

Ich wohne also jetzt in Rostock. In einem der ärmsten Stadtteile im ärmsten Bundesland. Für mich war es dennoch eine gute Entscheidung, aus London gerade hier herzuziehen: Gute Luft, schöne Wohnungen, alles funktioniert, Wohnungsgenossenschaften, von denen man im Ausland nur träumen kann, Radwege bis an die See, und ist da auch noch meine Gesundheit, die letztes Jahr schwer angeschlagen war, also waren die Ärzte und Therapeuten vor der Tür nicht unwichtig. Wenn uns jemand hier besucht, findet man es meist sehr schön und ist eigentlich überrascht, dass diese Viertel einen so schlechten Ruf haben.

Ich bin natürlich von der Londoner „Mixed and balanced communities“-Strategie verwöhnt – sie wirkt sich in der Wirklichkeit so aus, dass es in jedem Postcode eine Mischung aus allen Einkommens- und sozialen Gruppen gibt. Und so gibt es keine Ghettobildung. Man kann in jedem Postcode alle Arten von Menschen finden.

In Deutschland ist das nicht so. Soziale Gruppen halten sich geographisch getrennt.

Hier bin ich in der Gegend des Prekariats, der ehemaligen konsumorientierten Arbeiterklasse (vor 1990 war eine Wohnung hier in Schmarl ein Statussymbol, aber davon reden wir jetzt lieber nicht.) Es gab einen großen Brain Drain, damit einhergehend viel Armut und Vereinsamung. Damit gibt es natürlich auch Organisationen, die sich mit diesen Problemvierteln beschäftigen (natürlich nicht auf der Ebene der Stadtplanung.)

Am Donnerstag war ich das erste Mal bei einer Veranstaltung hier in meinem Stadtteil Schmarl dabei, die auf dieser Basis organisiert worden war. Hier ist mein Bericht.

1.

Es ist ein Donnerstag Abend im Wossidlo-Club, einer Eckkneipe mit historischen Wurzeln – und auch der letzten dieser Plattenbau-Eckkneipen, die bis jetzt als Community Space überlebt hat. Anwesend sind vier Teilnehmer. Ich bin die einzige, die tatsächlich in Schmarl wohnt. Andere sind von den Organisationen, die den armen Plattenbaueinwohnern helfen wollen. Jemand anders ist hier, weil er eine Meinung hat. Und der Betreiber der örtlichen Kneipe, der nicht selbst hier wohnt oder arbeitet, der aber die Kneipe mit der Auflage betreibt, etwas mehr für die Nachbarschaft zu organisieren.

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Kurz nachdem die örtliche Wohnungsgenossenschaft die alte Eckkneipe gekauft, etwas saubergemacht und dann der Community als Veranstaltungsort für neue Ideen angeboten hatte, war ich mal hingegangen und habe über Stricknachmittage geredet. Allerdings ist es eine Raucherkneipe, und man musste erstmal lüften. Das war ein Nein von mir.

2.

Es wäre schön, einen Veranstaltungsort für die Altersgruppe 20 – 50 zu haben, der nicht in Arbeitslosenzentren oder Seniorenhäusern ist. Deshalb halt meine Idee mit den Funky Music Nights in einem sehr seltsam rustikalen Lokal – aber da habe ich jetzt gelernt, dass Ironie hier nicht so funktioniert.

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3.

Als wir noch auf den eigentlichen Organisator warten, haben wir schon eine angeregte Vorstellungsrunde gestartet. Als der Organisator dann kommt, könnte er uns eigentlich einfach zuhören, stellt sich aber hin und erzählt. Ein zweiter Minuspunkt: das komplette Fehlen der eigentlichen Zielgruppe wird mit keinem Wort erwähnt.

Als sich dann irgendwann doch wieder eine Diskussion herausbildet, spricht die Teilnehmerin von BIWAQ, die mit dem Kneipenbesitzer daran arbeitet, seine Auflagen zu erfüllen (er hat eine sehr niedrige Miete, weil er an Community Cohesion arbeiten soll), über diese armen Stadtteile, wo man sich doch abends nicht auf die Straße wagen kann, und ich wehre mich.

Ich wohne nämlich hier, ich rede mit den Leuten, und ich weiß, dass es nicht so ist, wie man denkt, wenn das alles nur in den Medien kennt und ab und zu mal vorbeifährt. Klar, ich fühlte mich auch erstmal anders – ich war schließlich 29 Jahre weg. Aber fürchte mich nicht, irgendwo nachts allein langzugehen. Ich bin nie angefeindet worden, seit ich hier bin, mein Kind auch nicht, und als wir zusammen mit einem Freund, der auch ganz offensichtlich nicht von hier ist, essen gegangen sind, war auch alles völlig ok. Und (toi toi toi) ich habe auch schon vergessen, mein Fahrrad anzuschließen, und das war dann auch noch da. Vieles funktioniert einfach. Aber wenn die Menschen, denen zugehört wird (und die auch die Fördergelder kriegen) mir ständig erzählen, wie schlimm es hier ist, und ich glaube es ihnen – ist das dann nicht genau das Gegenteil, von dem was hier gebraucht wird?

Es gibt sehr erfolgreiche Leute hier im Stadtteil, es gibt unglaublich viele, die Interessantes zu erzählen haben. Aber wenn man nicht hier lebt und sich nur hier aufhält, wenn den Armen mal wieder erzählt werden muss, wo es lang gehen soll, trifft man die nicht.

4.

Für mich persönlich ist es immer noch eine steile Lernkurve, hier zu sein. Die, die hier so nett, aber ungebeten helfen wollen, sind die Leute, mit denen ich mich ja eigentlich identifiziere. In London zählte ich Menschen wie Tessy Britton, die die Organisation Participatory City gegründet hat und genau auf diesem Gebiet sehr erfolgreich ist, zu Freunden. Ich wäre auch lieber in die KTV (das Rostocker Szeneviertel) gezogen. Aber dann war ich letztes Wochenende beim jährlichen Open Air Festival in der KTV, und es waren ganz offensichtlich doch nicht meine Leute.

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Ist das etwa die Middle Class Anxiety, die Grayson Perry im zweiten Teil seiner Serie über Geschmack und Klasse erwähnt?

‚Wir sind alle sehr gute Menschen und wollen nur das Beste, wir sind die Grünen und die, die sozial alles zum Guten wenden wollen, aber wenn du ein paar Kilo zu viel wiegst, nicht die richtige Kleidung hast oder nicht die richtige Bräune, kann kannst du leider nicht zu uns gehören.‘ Und vielleicht kann man mit dieser Haltung, die eigentlich keine Andersartigkeit zulässt, ja Menschen nicht wirklich zuhören und so auch ihre Probleme nicht lösen?

5.

Moment mal. Fühle ich mich jetzt etwa hier in der Platte zu Hause?

Ich weiß genau, wie das ist, wenn man irgendwo gerade mal zehn Minuten war, einen Blick auf die Situation geworfen hat und genau weiß, was das Beste für die armen Leute dort ist. (Entschuldige bitte, Nigeria.)

Hier ist etwas Lesematerial über dieses Thema, auch von Menschen, die in Afrika leben und darunter leiden, wie ihre Heimat hier bei uns standardgemäß dargestellt wird. Und jetzt weiß ich dann auch ein ganz klein wenig, wie sich das anfühlt.

„Die reduktive Verführung der Probleme anderer Leute“

„Dein weißer Retterkomplex schadet meiner Entwicklung“

6.

Als ich zu Hause über diesen Abend erzählt habe, war dann die Frage, wie ich es anders machen würde. Und ja, mein erster Schritt ist immer noch, eine Community von Erwachsenen aufzubauen und Veranstaltungen zu organisieren. Und viele, viele Gespräche mit Zeitzeugen und interessanten Leuten zu führen – als Veranstaltung, Podcast oder einfach persönlich.

Ob jetzt irgendwas in diesem ironisch-coolen Lokal geht, muss sich dann noch zeigen.

Da geht doch noch was

Die Vernetzung von Menschen. Aus einer Vielzahl von Gründen muss ich mal wieder über das gleiche Thema schreiben. Da ist Herr Bellgardt von der Hanse Sail, der ganz untypisch in der Zeitung die fehlende Zusammenarbeit beklagt (und, damit verbunden, meine eigenen Erfahrungen mit der technologiefreien Organisation der Hanse Sail.) Da ist meine Music Night, die nichts bringt. Da ist der ganze Tag des offenen Denkmals, mit Führungen, die sehr relevant für mich wären, und die ich völlig verpasst hätte, wenn ich nicht eine Nachricht von einem Bekannten bekommen hätte.

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Das Thema bei all diesen Problemen ist Kommunikation und Technologie. Wie verbinden sich Menschen über Entfernungen und die Grenzen von Abteilungen und Institutionen hinweg? Wie bekomme ich wichtige Termine mit? Wie bewerbe ich eine neue Veranstaltungsreihe?

Also genau die gleichen Probleme, mit denen sich alle Organisationen weltweit gerade beschäftigen. Wie schaffen wir es, dass alle, für die eine bestimmte Information wichtig ist, diese erhalten, ohne dass jemand durch den Nachrichtenschwall erdrückt wird? Wie schaffen wir es, dass alle am Austausch teilnehmen, nicht nur die Lauten und Starken? Wie werden wir mit wachsender Komplexität fertig, wenn unsere Verhaltensmuster darauf aufgebaut sind, dass die da oben genau wissen, wo es langgeht?

Jetzt, 2018, in Rostock, erreicht man etwas durch gedruckte Zeitungen und persönliche Treffen. In 150 Jahren hat sich nicht viel verändert. Das funktioniert leider nicht sehr gut, verglichen mit einer Situation, in der Menschen zielgerichtet Technologie dazu nutzen, sich zu verbinden.

Wenn Rostock sich mit einem großen Unternehmen vergleicht und versteht, dass es das gleiche Problem hat wie jede große und kleine Gruppe von Menschen in der Welt, die etwas erreichen will, kann es mit der gleichen Energie daran gehen, Lösungen zu finden.

Es gibt keine absolute Lösung für dieses Problem. Es gibt kein Unternehmen, dem man schnell einmal ein paar Millionen in den Schoß schmeißen kann, und alles funktioniert.

Bei allen Ansätzen steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht die Technologie an sich. Letzten Endes kopiert jede Technologie das, was Nutzer von sozialen Medien schon seit Jahren machen. Man zieht Information zu sich (durch das abonnieren, folgen, liken usw, und dann das aktive Lesen der resultierenden Streams auf einem Dashboard), statt sie zugeworfen zu bekommen (Zeitungen, Emails.)

Das Finden und Filtern, das selbstbewusste Mitteilen von dem, was man selbst weiß, das Durchbrechen von hierarchischen Verhaltensmustern, das aktive Lernen neuer Technologien, und nicht zuletzt, die positive Haltung gegenüber unseren Mitmenschen, die die gleiche Entwicklung durchmachen wie wir… Das sind einige der Anforderungen, die diese Entwicklung an jeden Einzelnen stellt.

Das ist nicht einfach. Aber versuchen muss man es. Wenn man einmal angefangen hat, kann man die Zeit, die man in persönliche Treffen in der realen Welt investiert, damit verbringen, starke soziale Verbindungen zu schaffen. Diese helfen dann, die eigentliche Arbeit zu machen.

Rostock wächst. Die Welt wird nicht weniger komplex. Ich denke, wir sollten jetzt damit anfangen, besser zusammenzuarbeiten.

Community kann man nicht übersetzen

Ich bin immer noch neu hier und werde es auch für den Rest meines Lebens bleiben. Und das Digitale, über das ich hier bis jetzt meist geschrieben habe, ist ja bei weitem nicht das Einzige, wo es mich befremdet, wie wenig die Menschen in meiner alten/neuen Heimat selbst mitgestalten.

Also habe ich den einzigen logischen Schritt getan und eine eigene monatliche Club Night gegründet. Da kommen dann Leute hin, mit denen kann ich reden, und entweder verstehe ich sie oder sie mich.

Hier ist der Blurb.

Zeit, etwas neues auszuprobieren.

Also gibt es jetzt jeden letzten Samstag im Monat frische Musik in der alten Molkerei.

Das sind Gemeinschaftsabende, wir wollen also Leute im Nordwesten einladen, sie mitzugestalten. Der erste Schritt ist, sich zu treffen. Also: hast du Ideen? Machst du etwas Kreatives, Interessantes, über das du gerne redest? Schon etwas ausprobiert, oder noch nicht, weil das Netzwerk und die Unterstützung fehlt? In anderen Gegenden – auch von MV! – bilden sich schon kreative Gruppierungen, die mit neuen Ideen die Probleme ihrer Dörfer bekämpfen. Allen voran Leerstand und Einsamkeit. Und es ist ja nicht so, das wir das hier nicht gebrauchen könnten.

Also, komm einfach nach dem Abendbrot in die Alte Molkerei. Wir fangen 18.30 an, sprechen miteinander in kleinen Gruppen, damit man sicher ist, dass man auch mal neue Leute trifft.

Dann ab ca. 20 Uhr gibt es handgemachte Musik, und danach einen DJ, falls jemand tanzen mag.