Digitale Kollaboration vormachen

Ich habe mal slides.com ausprobiert. Hier meine Gedanken, die ich vortragen könnte, aber nur wenn es dort Internet gibt.

Slides

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Gut gemeint

In English

Dieser Post hat nicht unbedingt etwas mit Technologie zu tun – außer vielleicht in der Hinsicht dass, wenn die betreffenden Personen ein wenig besser vernetzt wären, sie vielleicht mit ihren Aufgaben etwas aufmerksamer umgehen würden, vielleicht nicht in die erste Falle der Probleme anderer Leute gestolpert wären. Oh ja, und dann ist da noch die Plattform, die Organisatoren eigentlich dazu nutzen könnten, ohne die Engpässe der Zeitungen über ihre Veranstaltungen zu informieren, über die man aber viel aktiver informieren müsste. Also doch wieder das Internet.

Aber fangen wir am Anfang an.

Ich wohne also jetzt in Rostock. In einem der ärmsten Stadtteile im ärmsten Bundesland. Für mich war es dennoch eine gute Entscheidung, aus London gerade hier herzuziehen: Gute Luft, schöne Wohnungen, alles funktioniert, Wohnungsgenossenschaften, von denen man im Ausland nur träumen kann, Radwege bis an die See, und ist da auch noch meine Gesundheit, die letztes Jahr schwer angeschlagen war, also waren die Ärzte und Therapeuten vor der Tür nicht unwichtig. Wenn uns jemand hier besucht, findet man es meist sehr schön und ist eigentlich überrascht, dass diese Viertel einen so schlechten Ruf haben.

Ich bin natürlich von der Londoner „Mixed and balanced communities“-Strategie verwöhnt – sie wirkt sich in der Wirklichkeit so aus, dass es in jedem Postcode eine Mischung aus allen Einkommens- und sozialen Gruppen gibt. Und so gibt es keine Ghettobildung. Man kann in jedem Postcode alle Arten von Menschen finden.

In Deutschland ist das nicht so. Soziale Gruppen halten sich geographisch getrennt.

Hier bin ich in der Gegend des Prekariats, der ehemaligen konsumorientierten Arbeiterklasse (vor 1990 war eine Wohnung hier in Schmarl ein Statussymbol, aber davon reden wir jetzt lieber nicht.) Es gab einen großen Brain Drain, damit einhergehend viel Armut und Vereinsamung. Damit gibt es natürlich auch Organisationen, die sich mit diesen Problemvierteln beschäftigen (natürlich nicht auf der Ebene der Stadtplanung.)

Am Donnerstag war ich das erste Mal bei einer Veranstaltung hier in meinem Stadtteil Schmarl dabei, die auf dieser Basis organisiert worden war. Hier ist mein Bericht.

1.

Es ist ein Donnerstag Abend im Wossidlo-Club, einer Eckkneipe mit historischen Wurzeln – und auch der letzten dieser Plattenbau-Eckkneipen, die bis jetzt als Community Space überlebt hat. Anwesend sind vier Teilnehmer. Ich bin die einzige, die tatsächlich in Schmarl wohnt. Andere sind von den Organisationen, die den armen Plattenbaueinwohnern helfen wollen. Jemand anders ist hier, weil er eine Meinung hat. Und der Betreiber der örtlichen Kneipe, der nicht selbst hier wohnt oder arbeitet, der aber die Kneipe mit der Auflage betreibt, etwas mehr für die Nachbarschaft zu organisieren.

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Kurz nachdem die örtliche Wohnungsgenossenschaft die alte Eckkneipe gekauft, etwas saubergemacht und dann der Community als Veranstaltungsort für neue Ideen angeboten hatte, war ich mal hingegangen und habe über Stricknachmittage geredet. Allerdings ist es eine Raucherkneipe, und man musste erstmal lüften. Das war ein Nein von mir.

2.

Es wäre schön, einen Veranstaltungsort für die Altersgruppe 20 – 50 zu haben, der nicht in Arbeitslosenzentren oder Seniorenhäusern ist. Deshalb halt meine Idee mit den Funky Music Nights in einem sehr seltsam rustikalen Lokal – aber da habe ich jetzt gelernt, dass Ironie hier nicht so funktioniert.

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3.

Als wir noch auf den eigentlichen Organisator warten, haben wir schon eine angeregte Vorstellungsrunde gestartet. Als der Organisator dann kommt, könnte er uns eigentlich einfach zuhören, stellt sich aber hin und erzählt. Ein zweiter Minuspunkt: das komplette Fehlen der eigentlichen Zielgruppe wird mit keinem Wort erwähnt.

Als sich dann irgendwann doch wieder eine Diskussion herausbildet, spricht die Teilnehmerin von BIWAQ, die mit dem Kneipenbesitzer daran arbeitet, seine Auflagen zu erfüllen (er hat eine sehr niedrige Miete, weil er an Community Cohesion arbeiten soll), über diese armen Stadtteile, wo man sich doch abends nicht auf die Straße wagen kann, und ich wehre mich.

Ich wohne nämlich hier, ich rede mit den Leuten, und ich weiß, dass es nicht so ist, wie man denkt, wenn das alles nur in den Medien kennt und ab und zu mal vorbeifährt. Klar, ich fühlte mich auch erstmal anders – ich war schließlich 29 Jahre weg. Aber fürchte mich nicht, irgendwo nachts allein langzugehen. Ich bin nie angefeindet worden, seit ich hier bin, mein Kind auch nicht, und als wir zusammen mit einem Freund, der auch ganz offensichtlich nicht von hier ist, essen gegangen sind, war auch alles völlig ok. Und (toi toi toi) ich habe auch schon vergessen, mein Fahrrad anzuschließen, und das war dann auch noch da. Vieles funktioniert einfach. Aber wenn die Menschen, denen zugehört wird (und die auch die Fördergelder kriegen) mir ständig erzählen, wie schlimm es hier ist, und ich glaube es ihnen – ist das dann nicht genau das Gegenteil, von dem was hier gebraucht wird?

Es gibt sehr erfolgreiche Leute hier im Stadtteil, es gibt unglaublich viele, die Interessantes zu erzählen haben. Aber wenn man nicht hier lebt und sich nur hier aufhält, wenn den Armen mal wieder erzählt werden muss, wo es lang gehen soll, trifft man die nicht.

4.

Für mich persönlich ist es immer noch eine steile Lernkurve, hier zu sein. Die, die hier so nett, aber ungebeten helfen wollen, sind die Leute, mit denen ich mich ja eigentlich identifiziere. In London zählte ich Menschen wie Tessy Britton, die die Organisation Participatory City gegründet hat und genau auf diesem Gebiet sehr erfolgreich ist, zu Freunden. Ich wäre auch lieber in die KTV (das Rostocker Szeneviertel) gezogen. Aber dann war ich letztes Wochenende beim jährlichen Open Air Festival in der KTV, und es waren ganz offensichtlich doch nicht meine Leute.

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Ist das etwa die Middle Class Anxiety, die Grayson Perry im zweiten Teil seiner Serie über Geschmack und Klasse erwähnt?

‚Wir sind alle sehr gute Menschen und wollen nur das Beste, wir sind die Grünen und die, die sozial alles zum Guten wenden wollen, aber wenn du ein paar Kilo zu viel wiegst, nicht die richtige Kleidung hast oder nicht die richtige Bräune, kann kannst du leider nicht zu uns gehören.‘ Und vielleicht kann man mit dieser Haltung, die eigentlich keine Andersartigkeit zulässt, ja Menschen nicht wirklich zuhören und so auch ihre Probleme nicht lösen?

5.

Moment mal. Fühle ich mich jetzt etwa hier in der Platte zu Hause?

Ich weiß genau, wie das ist, wenn man irgendwo gerade mal zehn Minuten war, einen Blick auf die Situation geworfen hat und genau weiß, was das Beste für die armen Leute dort ist. (Entschuldige bitte, Nigeria.)

Hier ist etwas Lesematerial über dieses Thema, auch von Menschen, die in Afrika leben und darunter leiden, wie ihre Heimat hier bei uns standardgemäß dargestellt wird. Und jetzt weiß ich dann auch ein ganz klein wenig, wie sich das anfühlt.

„Die reduktive Verführung der Probleme anderer Leute“

„Dein weißer Retterkomplex schadet meiner Entwicklung“

6.

Als ich zu Hause über diesen Abend erzählt habe, war dann die Frage, wie ich es anders machen würde. Und ja, mein erster Schritt ist immer noch, eine Community von Erwachsenen aufzubauen und Veranstaltungen zu organisieren. Und viele, viele Gespräche mit Zeitzeugen und interessanten Leuten zu führen – als Veranstaltung, Podcast oder einfach persönlich.

Ob jetzt irgendwas in diesem ironisch-coolen Lokal geht, muss sich dann noch zeigen.

Da geht doch noch was

Die Vernetzung von Menschen. Aus einer Vielzahl von Gründen muss ich mal wieder über das gleiche Thema schreiben. Da ist Herr Bellgardt von der Hanse Sail, der ganz untypisch in der Zeitung die fehlende Zusammenarbeit beklagt (und, damit verbunden, meine eigenen Erfahrungen mit der technologiefreien Organisation der Hanse Sail.) Da ist meine Music Night, die nichts bringt. Da ist der ganze Tag des offenen Denkmals, mit Führungen, die sehr relevant für mich wären, und die ich völlig verpasst hätte, wenn ich nicht eine Nachricht von einem Bekannten bekommen hätte.

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Das Thema bei all diesen Problemen ist Kommunikation und Technologie. Wie verbinden sich Menschen über Entfernungen und die Grenzen von Abteilungen und Institutionen hinweg? Wie bekomme ich wichtige Termine mit? Wie bewerbe ich eine neue Veranstaltungsreihe?

Also genau die gleichen Probleme, mit denen sich alle Organisationen weltweit gerade beschäftigen. Wie schaffen wir es, dass alle, für die eine bestimmte Information wichtig ist, diese erhalten, ohne dass jemand durch den Nachrichtenschwall erdrückt wird? Wie schaffen wir es, dass alle am Austausch teilnehmen, nicht nur die Lauten und Starken? Wie werden wir mit wachsender Komplexität fertig, wenn unsere Verhaltensmuster darauf aufgebaut sind, dass die da oben genau wissen, wo es langgeht?

Jetzt, 2018, in Rostock, erreicht man etwas durch gedruckte Zeitungen und persönliche Treffen. In 150 Jahren hat sich nicht viel verändert. Das funktioniert leider nicht sehr gut, verglichen mit einer Situation, in der Menschen zielgerichtet Technologie dazu nutzen, sich zu verbinden.

Wenn Rostock sich mit einem großen Unternehmen vergleicht und versteht, dass es das gleiche Problem hat wie jede große und kleine Gruppe von Menschen in der Welt, die etwas erreichen will, kann es mit der gleichen Energie daran gehen, Lösungen zu finden.

Es gibt keine absolute Lösung für dieses Problem. Es gibt kein Unternehmen, dem man schnell einmal ein paar Millionen in den Schoß schmeißen kann, und alles funktioniert.

Bei allen Ansätzen steht der Mensch im Mittelpunkt, nicht die Technologie an sich. Letzten Endes kopiert jede Technologie das, was Nutzer von sozialen Medien schon seit Jahren machen. Man zieht Information zu sich (durch das abonnieren, folgen, liken usw, und dann das aktive Lesen der resultierenden Streams auf einem Dashboard), statt sie zugeworfen zu bekommen (Zeitungen, Emails.)

Das Finden und Filtern, das selbstbewusste Mitteilen von dem, was man selbst weiß, das Durchbrechen von hierarchischen Verhaltensmustern, das aktive Lernen neuer Technologien, und nicht zuletzt, die positive Haltung gegenüber unseren Mitmenschen, die die gleiche Entwicklung durchmachen wie wir… Das sind einige der Anforderungen, die diese Entwicklung an jeden Einzelnen stellt.

Das ist nicht einfach. Aber versuchen muss man es. Wenn man einmal angefangen hat, kann man die Zeit, die man in persönliche Treffen in der realen Welt investiert, damit verbringen, starke soziale Verbindungen zu schaffen. Diese helfen dann, die eigentliche Arbeit zu machen.

Rostock wächst. Die Welt wird nicht weniger komplex. Ich denke, wir sollten jetzt damit anfangen, besser zusammenzuarbeiten.

Community kann man nicht übersetzen

Ich bin immer noch neu hier und werde es auch für den Rest meines Lebens bleiben. Und das Digitale, über das ich hier bis jetzt meist geschrieben habe, ist ja bei weitem nicht das Einzige, wo es mich befremdet, wie wenig die Menschen in meiner alten/neuen Heimat selbst mitgestalten.

Also habe ich den einzigen logischen Schritt getan und eine eigene monatliche Club Night gegründet. Da kommen dann Leute hin, mit denen kann ich reden, und entweder verstehe ich sie oder sie mich.

Hier ist der Blurb.

Zeit, etwas neues auszuprobieren.

Also gibt es jetzt jeden letzten Samstag im Monat frische Musik in der alten Molkerei.

Das sind Gemeinschaftsabende, wir wollen also Leute im Nordwesten einladen, sie mitzugestalten. Der erste Schritt ist, sich zu treffen. Also: hast du Ideen? Machst du etwas Kreatives, Interessantes, über das du gerne redest? Schon etwas ausprobiert, oder noch nicht, weil das Netzwerk und die Unterstützung fehlt? In anderen Gegenden – auch von MV! – bilden sich schon kreative Gruppierungen, die mit neuen Ideen die Probleme ihrer Dörfer bekämpfen. Allen voran Leerstand und Einsamkeit. Und es ist ja nicht so, das wir das hier nicht gebrauchen könnten.

Also, komm einfach nach dem Abendbrot in die Alte Molkerei. Wir fangen 18.30 an, sprechen miteinander in kleinen Gruppen, damit man sicher ist, dass man auch mal neue Leute trifft.

Dann ab ca. 20 Uhr gibt es handgemachte Musik, und danach einen DJ, falls jemand tanzen mag.

#Olltopie

Ich arbeite an einem Kunstprojekt, das mir erlauben soll, meine verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen, und über das, was mich in den letzten zehn Jahren am meisten beschäftigt hat, anders zu reden. Soweit die Theorie.

Die Gegenwart

Praktisch hat es vor ein paar Wochen mit meinem öffentlichen Spinnen vor dem Heimatmuseum angefangen.

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Spinnen ist einfach schön. Schön einfach. Menschen freuen sich, wenn sie jemand an einem Spinnrad arbeiten sehen. Es gibt kaum etwas anderes, was man in der Öffentlichkeit machen könnte, das so viele Leute in allen Altersgruppen zum Lächeln bringt. Bis jetzt habe ich zwei Tage dort vor dem Museum gesessen. Ein Resultat davon ist, dass ich den Schal wieder aufgetrennt habe und jetzt einen größeren, dreieckigen stricke.

Da ist doch mehr Wind als ich erwartet habe.

Außer dem Schal arbeite ich jetzt an einem Namen für das Projekt. Eine Möglichkeit ist #olltopie. Oll ist plattdeutsch für alt, plus Utopie. Oll funktioniert in ganz Deutschland, hoffe ich, das muss ich noch prüfen.

Utopie ist eine idealisierte Zukunftsvorstellung, und Olltopie ist eine idealisierte Zukunftsvorstellung von schrulligen alten Leuten. Das spielt auf das Spinnrad an, aber noch viel mehr hat es etwas mit meiner Versessenheit auf Hashtags zu tun, auf echten Austausch online, auf eine vernetzte Community, auf die Parallelität von online und realer Welt und was wir damit an Lebensqualität gewinnen könnten. Leuten von hier, auch jungen Leuten, ist das alles ziemlich egal. Whatsapp ist alles.

In vielen Zukunftsszenarien von sehr intelligenten Akademikern wird angenommen, dass wir einfach automatisch besser darin werden, durch neue Technologie einander auch virtuell nah zu sein, miteinander auch ohne persönliche Treffen gut zu arbeiten. Dazu muss man etwas von sich mitteilen, sonst gibt es kein Vertrauen. All das kann man aber nicht, wenn man es nie gelernt hat. Das können auch die jungen Leute nicht, wenn ihre Vorbilder nur Influencer sind. Wir können nicht einfach annehmen, dass junge Leute besser darin werden, Technologie zum Guten zu nutzen – aber darüber habe ich schon so viel gesagt.

Deshalb ja dieses Kunstprojekt.

Ich werde anfangen, den Hashtag beim Spinnen physisch neben mir aufzustellen. Dann, wenn ich ihn eine Weile ausprobiert habe und er mir immer noch gefällt, auch Visitenkarten drucken.

Die Emotionen, die nur ein Spinntag hervorruft, sind enorm. Wenn wir nur einen kleinen Teil davon in die Parallelwelt, die virtuelle Welt, bringen könnten, würden sie weiter wachsen. Und dann kann ich zeigen, was ich mit vernetzter online Community meine, statt nur darüber zu reden. Was anders ist, wenn man echte Verbindungen schafft. Und darüber lachen, weil der Hashtag auch nicht so ganz ernst ist. Mir ist das alles ernst, aber ich fühle, dass ich durch Verbissenheit gar nichts erreiche.

Die Zukunft

Die Resultate des Spinnens selbst, die Garne, werden physische Objekte, die ausgestellt werden können wie gewöhnliche Kunst, die berührt werden können, und die auf sanfte Weise – Wolle ist eben doch weich – durch Technologie mit menschlichen Gefühlen wechselwirken. Das wird dann wieder eine Chance, mit einer der neuesten digitalen Technologien, Robotern, zu interagieren, und über unsere Ängste anders zu denken.

Digitalisierung ist nicht Automatisierung. Unsere Menschlichkeit soll die digitale Welt formen. Dazu müssen wir etwas tun.

 

#JuliaPorath kann „Datensicherheit“ nicht mehr hören

Julia Porath ist die örtliche Influencerin. 19K Followers bei Instagram, 131K Likes auf Facebook, das macht sie zur größten Social-Media-Spezialistin des ganzen Landes Mecklenburg-Vorpommern.

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Julia Porath teilt meist visuelle Inhalte, also wusste man bis jetzt nicht so genau, was sie eigentlich über Facebook, Instagram und Co. dachte.

Jetzt hat die Ostsee-Zeitung einen Beitrag von Julia über Facebook und Datensicherheit veröffentlicht. Eine Social-Media-Spezialistin, die die Lokalzeitung als Sprachrohr nutzt? Ein Traum! Wir sollten doch eigentlich in Rostock eine gut informierte, wunderbar vernetzte Bevölkerung haben.

Ach nein, Influencer kümmern sich ja nicht um Community, um Verbindungen zwischen Menschen, sondern um ein passives Publikum. Und Influencer verbinden sich auch nicht wirklich mit anderen. Wenn Julia auch nur einen anderen Artikel über Facebook und Daten gelesen hätte, würde sie wissen, dass es nicht um Telefonnummern geht.

Den Twitter Thread here zum Beispiel.

Dass wir soviel darüber reden, ist, weil wir selbst bestimmen wollen, wie Technologie in Zukunft unser Leben beeinflusst. Sorry wenn dir das auf die Nerven geht, Julia.

Und dieses „hier ist meine Telefonnummer! Haha, die zum Studio, ich bin ja so lustig!“ Wie sieht man hier eigentlich sein Publikum? Gibt es den Wunsch, Menschen dabei zu helfen, sich online zurechtzufinden, oder dient das alles nur der eigenen Popularität?

Ich frage, ich lerne

Diese Woche war ich zum zweiten Mal in meiner alten/neuen Heimatstadt „networken“. Es war weniger verwirrend als das erste Mal. Ich kann jetzt genauer beschreiben, was mich befremdet, und das freut mich, weil ich dann besser entscheiden kann, was daran einfach die Natur der Mecklenburger ist und wo ich eventuell etwas beizutragen hätte.

IMG_6425Zunächst mal habe ich gelernt, warum der Hashtag nicht genutzt wird, obwohl er Teil des Branding ist – einer der Gründer des Events hat eine App gemacht, die es erlaubt, anonym Fragen zu stellen, also wird die genutzt. Und das ist ja auch unternehmerisch gut gedacht, obwohl es den Teilnehmern weniger nützt. Es werden keine Verbindungen untereinander geschaffen. Aber die App wird genutzt, und das freut alle, die dazu Geld gegeben haben, und auch den Chief Digital Officer der Uni.

IMG_6431Das finde ich aus einem anderen Grunde interessant. Die Events, die mir bisher am meisten gebracht haben – allen voran Localgovcamp – waren das genaue Gegenteil. Branding gab es nicht, die T-Shirts sahen jedes Mal anders aus, aber einen starken Namen, eine Idee, Gründer, die ein Interesse daran hatten, ihren Teilnehmern so sehr wie möglich zu nutzen. Einen Hashtag, der zentral war. Hier gibt es zwar starkes Branding, aber weil die persönlichen Interessen der Leute, die den Hashtag tragen, woanders liegen, hat es keine Wirkung. Zumindest der Hashtag nicht.

Screenshot from 2018-04-14 08-45-08Ich stelle mir vor, hier etwas gründen zu wollen bedeutet, dass man ein Vorhaben, das irgendwie mit Technologie zu tun hat, immer wieder Lehrern, Bankangestellten und Leuten, die EU-Gelder vergeben, erklären muss. Die stellen immer die gleichen Fragen. Weiß man denn, wie man werben wird, wer die potentiellen Kunden und die Konkurrenz sind? Wie wird man wachsen und im nächsten Jahr mehr Geld machen als in diesem? Die fragen nicht, wie man das Leben der Menschen, die mit dem Produkt in Verbindung kommen, verbessern wird. Denn zu viel Herz und Gewissen im Geschäftsleben bedeutet nichts anderes für den Investor, als dass die Investition in Gefahr ist.

Wer profitiert schon davon, dass sich Menschen zu einem starken, dezentralen Netzwerk verbinden?

Und natürlich habe ich versucht, mit so vielen Teilnehmern wie möglich zu sprechen, es war schließlich ein Networking Event. Ich bin im richtigen Leben genauso enthusiastisch über dieses Thema, also rede ich viel mit allen darüber, dass man doch so schön den Hashtag, der ja doch überall steht, benutzen könnte. Ich bekomme dann die Antworten, dass man da doch keine Kunden findet, und dass es in Firmen einfach nicht die Leute gibt, die die Zeit und Expertise haben. Interessanterweise wusste der Gründer der App, wovon ich rede, für andere ist Twitter nur eine Plattform für Social Media Marketing.

Deswegen ist es doppelt schade, dass die Events nicht aktiv Leute ermutigen, den Hashtag zu nutzen, denn dann hätten Teilnehmer sofort eine praktische Demonstration der direkten Vernetzung.

Natürlich sind Rostocker im Allgemeinen nicht gerade kommunikationsfreudig, aber ich meine immer, das Leute, die zu einem Networking Event gehen, schon etwas Bereitschaft zeigen, über ihren Schatten zu springen. Obwohl ich mir gar nicht mehr so sicher bin, dass ich da richtig liege – es war zeitweilig mehr wie ein Klassenzimmer, mit den gleichen Disziplinproblemen, als wie ein Zusammenkommen von Erwachsenen, die alle etwas bewegen wollen.

Eine andere Sache, die mir klar geworden ist, ist, dass man, um etwas anders zu machen, einen Druck spüren muss. Hier scheinen alle sehr erfolgreich zu sein. Frauen sind sogar mit den üblichen Pyramid Schemes sehr erfolgreich. Vielleicht, weil alles hier immer noch irgendwie neu ist. Oder vielleicht, weil man immer mehr Erfolg suggeriert, als wirklich da ist – Ehrlichkeit ist ja auch etwas, das im Geschäftsleben verpönt ist.

Es scheint also immer noch sehr viele unüberwindliche Hindernisse dafür zu geben, dass Menschen sich hier dezentral zu einem starken Netzwerk verbinden. Aber nichts ist unmöglich.