#JuliaPorath kann „Datensicherheit“ nicht mehr hören

Julia Porath ist die örtliche Influencerin. 19K Followers bei Instagram, 131K Likes auf Facebook, das macht sie zur größten Social-Media-Spezialistin des ganzen Landes Mecklenburg-Vorpommern.

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Julia Porath teilt meist visuelle Inhalte, also wusste man bis jetzt nicht so genau, was sie eigentlich über Facebook, Instagram und Co. dachte.

Jetzt hat die Ostsee-Zeitung einen Beitrag von Julia über Facebook und Datensicherheit veröffentlicht. Eine Social-Media-Spezialistin, die die Lokalzeitung als Sprachrohr nutzt? Ein Traum! Wir sollten doch eigentlich in Rostock eine gut informierte, wunderbar vernetzte Bevölkerung haben.

Ach nein, Influencer kümmern sich ja nicht um Community, um Verbindungen zwischen Menschen, sondern um ein passives Publikum. Und Influencer verbinden sich auch nicht wirklich mit anderen. Wenn Julia auch nur einen anderen Artikel über Facebook und Daten gelesen hätte, würde sie wissen, dass es nicht um Telefonnummern geht.

Den Twitter Thread here zum Beispiel.

Dass wir soviel darüber reden, ist, weil wir selbst bestimmen wollen, wie Technologie in Zukunft unser Leben beeinflusst. Sorry wenn dir das auf die Nerven geht, Julia.

Und dieses „hier ist meine Telefonnummer! Haha, die zum Studio, ich bin ja so lustig!“ Wie sieht man hier eigentlich sein Publikum? Gibt es den Wunsch, Menschen dabei zu helfen, sich online zurechtzufinden, oder dient das alles nur der eigenen Popularität?

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„Digital Natives“ sind nicht die Lösung

Am 22. März gab es die Frühjahrstagung „Digitale Kompetenzen“.

Mit der Motivation, mich vielleicht doch irgendwie hier in dieser neuen Umgebung mit meinen Erfahrungen aus der Londoner digitalen Szene einzubringen, habe ich die Chance genutzt und mir das veröffentlichte Video angeschaut.

Was für eine Möglichkeit, endlich zu verstehen, warum das fruchtbare Vernetzen online, so wie ich das von den Denkern und Machern der digitalen Welt kenne, hier nicht gang und gäbe ist.

Natürlich verstehe ich, dass das Ziel dieser Veranstaltungen hauptsächlich der Medienschutz ist, und deshalb das positive, persönliche, proaktive, produktive Verhalten online weniger im Vordergrund steht. Viele der Sprecher haben sich ausführlich mit dem Thema Facebook und Cambridge Analytica beschäftigt. Der Landesbeauftragte für Datenschutz MV sagte, dass er schon vor einem Jahr von den Problemen wusste.

Ich habe vor drei Jahren in meinem Buch geschrieben, dass Facebook weniger Vertrauen verdient als Twitter, weil Twitter uns durch seine Durchsichtigkeit und Offenheit dazu erzieht, wie verantwortungsvolle Erwachsene mit den Informationen, die wir der Außenwelt geben, umzugehen und Facebook genau das Gegenteil tut – immer mehr Daten aus uns saugt, als wir ihm bewusst geben würden. Natürlich eignet es sich auch nicht halb so gut wie Twitter für Events und die Entwicklung eines starken professionellen Netzwerkes. Aber das geht ja wieder in die positive, produktive Richtung.

Trotzdem: Eine Konferenz, die sich mit Datensicherheit und Medienkompetenzen beschäftigt, sollte doch eigentlich eine Twitterpräsenz auf allen Ebenen enthusiastisch begrüßen und bewerben!

Ich weiß, dass Organisationen in MV ganz von oben Twitter oft unumschränkt ablehnen. Das erklärt aber trotzdem noch nicht, warum es in einem Event über digitale Kompetenzen keine einzige Erwähnung findet – selbst wenn die Veranstalter aus irgendeinem Grunde die Wahl getroffen haben, keinen Hashtag anzubieten und so die Chance zu verpassen, den Mitgliedern die perfekte Möglichkeit zu geben, sich nachhaltig online zu vernetzen.

Ich weiß auch, dass Twitter nicht die perfekte Antwort auf alle Fragen ist. Aber wieso sind sich bei solch einer Tagung stillschweigend alle einig, dass das zweitgrößte soziale Netzwerk nicht existiert?

Ist die Antwort vielleicht dass man schon so viel über das schlimme Internet gehört hat, dass man lieber gar nichts online stellt? Das wäre nur möglich, wenn man den Rest der Welt und die Anstrengungen anderer völlig ignoriert. Was man ja leicht machen kann. Aber nein, es wäre wirklich die unreifste Reaktion, zu sagen: Ja, alle auf der ganzen Welt vernetzen sich, aber die sind alle doof; wir, das Land Mecklenburg-Vorpommern, wir wissen es besser.

Ist die Antwort, dass irgendwann in der Vergangenheit eine Studie gemacht wurde, dass Twitter hierzulande einfach nicht angenommen wird und man sich seitdem einfach stillschweigend darauf einigt, dass es nicht existiert? Das wäre eine Antwort, wenn wir Medienschaffende im Sinne von Werbung wären. Aber hier geht es um ein starkes Netzwerk unter den Teilnehmern selbst, die alle etwas beizutragen haben, und Kollegen im In- und Ausland. Genau diese Art von Diskussion über genau diese Themen gibt es gerade überall und Twitter ist die perfekte Möglichkeit, sich zu vernetzen. Es ist also egal ob es ein Publikum in MV gibt oder nicht.

Das nicht die Antwort sein. Vielleicht fehlt es einfach an Expertise?

Oder, anders gesagt: Verlässt man sich bei Fragen über das, was wir selbst online machen, zu sehr auf die „Digital Natives“? Das ist ein Begriff, der tatsächlich mehrmals in der Konferenz völlig unkritisch Erwähnung fand. Das Konzept „Digital Natives – Digital Immigrants“ wird in den Netzwerken, mit denen ich vertraut bin, schon seit Jahren nicht mehr als nützlich angesehen (1, 2), weil junge Menschen nicht automatisch alles besser können, und selbst wenn junge Menschen es besser können, ist ihr Wissen immer noch nicht relevant dafür, wie und wozu Erwachsene Technologie nutzen.

Wenn soziale Netzwerke auf Selfies und Influencers reduziert werden, sind sie ganz schnell irrelevant für Erwachsene. Dass ein Blog etwas anderes sein kann, als eine reine Verkaufsplattform, und es auch ursprünglich einmal war, bevor der Begriff „Influencer“ beschrieb, wie man das Internet zum Geldmachen benutzt, geht völlig unter.  Wenn wir den Erwachsenen, die diese Erfahrungen haben, nicht zuhören, weil die Kinder ja alles besser können, verpassen wir viel.

Ich kenne viele Menschen von 40 bis 70, die in diesem „Digital Natives – Digital Immigrants“ Konzept nie als Natives gelten würden, die aber absolut eine Inspiration für ein gutes, produktives Online-Leben sind.

Damit dieser Post nicht unendlich weitergeht, hier ist wie eine Tagung wie diese mit einem Hashtag auf Twitter anders laufen und an Substanz und Relevanz gewinnen könnte.

  • Die Veranstalter sind sich bewusst, dass nicht alle Teilnehmer auf Twitter aktiv sind oder wissen, wie es funktioniert. Allerdings sind Events auch die beste Möglichkeit, den Nutzen von Twitter zu demonstrieren. Deshalb wird der Hashtag nicht nur auf allen Dokumenten und der Website prominent gezeigt, sondern ganz am Anfang der Konferenz eine Einleitung gegeben, wie und warum er genutzt werden kann, zur Konferenz beizutragen und sich mit anderen Teilnehmern zu vernetzen.
  • Während der Konferenz wird eine Twitterwall eingerichtet. Tweets mit dem Hashtag werden prominent in der Halle gezeigt, auf Bildschirmen oder mit Projektoren.
  • Das Thema wird tiefer behandelt, wenn man sich weiter darüber austauschen kann als durch 10 Minuten Sprache und 1 Frage.
  • Man kann sich und seine Organisation, sein Produkt oder seinen Beitrag zum Thema besser und mit mehr Tiefe darstellen als durch einen 30 Sekunden „Pitch“ an einem Ausstellungsstand.
  • Nach dem Event kann man sich durch längere Posts weiter austauschen.
  • Man kann so weiter in Kontakt bleiben. Twitter bietet die Möglichkeit, mit mehr Menschen besser verbunden zu sein. Diese Verbindungen basieren auf Substanz, statt Äußerlichkeiten.
  • Wenn man nach dem Event kleinere, private Netzwerke bauen will, geht das auch am besten, wenn Leute davon erfahren.
  • Dadurch, dass Teilnehmer über die Konferenz online erwähnen, ist die Reichweite ihrer Themen um ein Vielfaches verstärkt, und Kompetenzen außerhalb der physisch Anwesenden können eingeholt werden. Wenn zum Beispiel eine Rednerin, die Chief Digital Officer der Universität Rostock ist und damit die wohl höchste Instanz für Digitalisierung in MV, sagt, dass „Apps jetzt gerade das Wichtigste sind“, kann das zumindest debattiert werden, als einfach so im Raum zu stehen.
  • Ein anderer Vorteil der größeren Reichweite ist auch, dass man sich live und direkt mit anderen verbinden kann, die die gleichen Fragen in anderen Bundesländern zu beantworten versuchen.
  • Und ganz schlussendlich: Wenn Twitter aus Gründen der Datensicherheit nicht angenommen werden kann, obwohl alle Daten dort voll unter unserer Kontrolle stehen, kann man sich trotzdem mit dem Hashtag auf Twitter vernetzen und dann auf private Netzwerke wechseln. Ich sehe nichts was andeutet, dass sich irgendwo vernetzt wird, keine Erwähnung von Slack oder anderen internen Kommunikationsplattformen. Vielleicht habe ich das ja überhört.

Ein Beispiel für eine Konferenz mit einem aktiven Hashtag: #RRUKA2017, Jahreskonferenz der Rail Research Association.

Es gab auch Organisationen, die an der Frühlingstagung teilgenommen haben und darüber auf Twitter gesprochen haben. Aber weil es keinen zentralen Hashtag gab, sind all die schönen Hashtags nutzlos. Durch keinen der Hashtags findet man andere relevante Inhalte. Deshalb gab es keine Interaktion mit anderen Teilnehmern.

Ich wünsche mir, dass Organisationen in MV verstehen, dass das, was einige wenige junge Menschen zu Influencern macht, nichts damit zu tun hat, was professionelle Erwachsene brauchen, um sich besser zu vernetzen.

Denn das, was ein starkes Netzwerk braucht, ist Dezentralisierung. Wir wollen die Stimmen von allen hören, nicht nur vom Minister, der ja da war, um zu lernen. Viele haben etwas beizutragen, besonders, wenn ein Thema so wichtig ist wie dieses. Viele sollen sich gehört, oder gelesen, und für die Richtung der Konversation verantwortlich fühlen. Das ist ein völlig anderer Ausgangspunkt als der von Startups, von Pitches, von Instagram Influencers, auch von traditionellen Medien und Hierarchien. Und das ist, was das Internet so interessant macht.

(In anderen Gegenden sind Menschen selbst-organisiert und nehmen viel in die Hand, in Rostock passiert immer noch vieles von oben herab. Die Organisation des Hansetags ist ein gutes Beispiel. Wo können sich Rostocker einbringen? Ich habe es probiert, und bin nicht gerade mit offenen Armen empfangen worden. Das Kunstprojekt Ship of Tolerance ist ein anderes Beispiel. In Rom wurde es durch Crowdfunding finanziert. Wenn aber alles von oben herab organisiert wird, sind Leute auch apathisch und fühlen sich im schlimmsten Fall ohnmächtig und voller Kritik, was in Rostock wirklich ausgeprägt ist. Alles ist miteinander verbunden.)

Leider ist es schwierig, die Wichtigkeit der dezentralen Vernetzung von Menschen – und auch Organisationen, aber Organisationen bestehen aus Menschen – mit finanziellen Interessen zu verbinden. Das ist vielleicht ein Grund, warum sie leicht einmal in der Aufregung der Digitalisierung untergeht. Und doch ist sie das Allerwichtigste. Nur so können so die schnelllebigen Themen von heute verarbeitet und so produktiv wie möglich aufgegriffen werden.

Wir können nicht alle von heute auf morgen digitale Experten werden, weder Lehrer, noch Minister, noch Polizisten. Aber wenn sich alle vernetzt wissen, dann können alle auf die beste Art und Weise das vorhandene Know-How nutzen.