Wer hat Angst vorm Plattenbau?

Ich habe ein paar bewegte Tage hinter mir. Vierteljährlichen Hautkrebs-Tüv ohne Probleme bestanden, bei Professor Baumbach zu Hause gewesen, und das war nur ein Tag. Mich über junge, linke, alternative Leute aufgeregt, die lieber auf die Straße gehen, um auf ihr Recht auf billigen Wohnraum im Stadtzentrum zu pochen, als ihre kreative Energien in die Plattenbau-Stadtviertel zu stecken. Und wieder ein Artikel über die soziale Trennung in Rostock.

Zeit, meiner Kampagne für mehr Kunst und Kultur im Plattenbau einen Namen zu geben. Na, WER HAT ANGST VORM PLATTENBAU?

Wie werden diese Viertel gesehen? Als soziale Brennpunkte, als Problemviertel, als Armenviertel.

Wieviel Kunst und Kultur gibt es im Rostocker Nordwesten mit seinen 47.000 Einwohnern für 20 bis 60-Jährige? Kaum welche.

Wer wird trotzdem für die Probleme beschuldigt? Laut OZ:

Aus Sicht der Stadtverwaltung ist die Hauptursache für diese Entwicklung der industrielle Wohnungsbau zu DDR-Zeiten.

Wir brauchen Kunst in der Platte, und wir brauchen Kunst über die Platte, darüber, wie sie sich selbst versteht. Ich bin in der Platte aufgewachsen, war dann lange weg und dann 2017 zurückgekommen, und ich weiß, dass dazwischen etwas schief gelaufen ist. Vorher waren es ganz normal populäre Wohnungen für ganz normale Leute, die alle wie alle anderen auch arbeiten gegangen sind.

Jetzt sind es plötzlich nur die da ganz #unten, die hier wohnen. Und sogar die Linken und Alternativen, die doch so gute Menschen und so kreativ sind, haben Berührungsängste und keine wirkliche Ahnung, wie es hier ist.

Die haben wirklich Angst.

Hat das etwas mit denen zu tun, die in diesen Vierteln wohnen? Ich wohne hier, und ich mache eine ganz andere Erfahrung. Ist es eher das Image dieser Viertel als „Problem“ und „schwach“, das von gut gemeinten Projekten immer noch vertieft wird?

Zitat aus dem Projekt „Kreise Ziehen“ der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst:

Wie entstehen Stereotypen von Orten, wie werden sie von außen gesetzt und von innen angenommen und weitergeführt? Wie operieren Bildstrategien in der Peripherie, die nicht von außen ein ›Image‹ überstülpen, sondern von den Bewohner_innen mit Eigensinn erarbeitet wurden?

Dazu ist die Entwicklung dieser Stadtteile wichtig. Der erste Schritt dieses Projektes ist also, ungenutzte Schaufenster mit Material aus den Archiven von Ulrich Müther und Professor Peter Baumbach zu füllen. Dazu gehören auch Arbeiten von Studenten, die sich mit diesen Bauten beschäftigen. Reproduktionen von Postern aus der Zeit. Fotografien mit dem Plattenbau als Fokus. Etc etc.

Dann als zweiter Schritt wäre ein permanenter Platz für Kunst in der Platte natürlich schön. Man könnte Menschen aus dem Netzwerk Ostmoderne einladen und Kunst und Veranstaltungen anbieten. Lesungen aus neuen Büchern zum Thema. Das Projekt Urbaner Kulturen. Es gibt auch die Neuen Auftraggeber, die diese Art Projekte unterstützen.

Jetzt ist das Wichtigste, dass wir auch die Immobilienverwalter auf unsere Seite bekommen. Im ersten Schritt werden keine Läden für Publikum geöffnet, sondern nur um zu säubern und Schaufenster zu gestalten. Das vereinfacht die Sache.

IMG_0613Falls wir mit zwei Läden anfangen können, ist der Schwerpunkt die Kolumbuspassage, die alle Fußgänger und Radfahrer begrüßt, die von der S-Bahn nach Schmarl kommen, und wo es auch bei der Bäckerei viel Fußfall gibt. Von dort kann sich das Projekt auf die gesamte Passage ausbreiten, ins Schmarl Zentrum und auf weitere Stadtteile. Material gibt es genug.

Was an diesem Punkt der Ausweitung sehr gut wäre, ist eine zentrale Anlaufstelle, wo leere Läden registriert werden können, die an dem Projekt teilnehmen werden, und wo sich Immobilienverwalter beruhigen können, das das alles eine gute Idee ist. Da würde das Katasteramt eventuell zuständig sein. Dort kann man dann Materialien über frühere Projekte dieser Art in anderen Städten sammeln – international gibt es die Empty Shops Network und auch in Deutschland gibt es viele Nachweise dafür, das solche Projekte ihre Umgebung positiv verändern und auch für die Besitzer und Verwalter der Immobilien Wert schaffen, weil die Umgebung „aufgewertet“ wird.

Alles ist besser als leere Fenster und verkommende Passagen.

Arbeiten aus und zum Müther-Erbe, Materialen aus dem Archiv von Professor Baumbach, das auch gerade in Berlin ausgestellt ist, Poster und Postkarten aus den Zeiten, in denen diese Viertel und diese Architektur nicht #unten waren. Das wäre ein Anfang.

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Ein Teil der Ausstellung des Müther-Archivs zur Verleihung des Titels „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ an den Teepott in Warnemünde
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Gut gemeint

In English

Dieser Post hat nicht unbedingt etwas mit Technologie zu tun – außer vielleicht in der Hinsicht dass, wenn die betreffenden Personen ein wenig besser vernetzt wären, sie vielleicht mit ihren Aufgaben etwas aufmerksamer umgehen würden, vielleicht nicht in die erste Falle der Probleme anderer Leute gestolpert wären. Oh ja, und dann ist da noch die Plattform, die Organisatoren eigentlich dazu nutzen könnten, ohne die Engpässe der Zeitungen über ihre Veranstaltungen zu informieren, über die man aber viel aktiver informieren müsste. Also doch wieder das Internet.

Aber fangen wir am Anfang an.

Ich wohne also jetzt in Rostock. In einem der ärmsten Stadtteile im ärmsten Bundesland. Für mich war es dennoch eine gute Entscheidung, aus London gerade hier herzuziehen: Gute Luft, schöne Wohnungen, alles funktioniert, Wohnungsgenossenschaften, von denen man im Ausland nur träumen kann, Radwege bis an die See, und ist da auch noch meine Gesundheit, die letztes Jahr schwer angeschlagen war, also waren die Ärzte und Therapeuten vor der Tür nicht unwichtig. Wenn uns jemand hier besucht, findet man es meist sehr schön und ist eigentlich überrascht, dass diese Viertel einen so schlechten Ruf haben.

Ich bin natürlich von der Londoner „Mixed and balanced communities“-Strategie verwöhnt – sie wirkt sich in der Wirklichkeit so aus, dass es in jedem Postcode eine Mischung aus allen Einkommens- und sozialen Gruppen gibt. Und so gibt es keine Ghettobildung. Man kann in jedem Postcode alle Arten von Menschen finden.

In Deutschland ist das nicht so. Soziale Gruppen halten sich geographisch getrennt.

Hier bin ich in der Gegend des Prekariats, der ehemaligen konsumorientierten Arbeiterklasse (vor 1990 war eine Wohnung hier in Schmarl ein Statussymbol, aber davon reden wir jetzt lieber nicht.) Es gab einen großen Brain Drain, damit einhergehend viel Armut und Vereinsamung. Damit gibt es natürlich auch Organisationen, die sich mit diesen Problemvierteln beschäftigen (natürlich nicht auf der Ebene der Stadtplanung.)

Am Donnerstag war ich das erste Mal bei einer Veranstaltung hier in meinem Stadtteil Schmarl dabei, die auf dieser Basis organisiert worden war. Hier ist mein Bericht.

1.

Es ist ein Donnerstag Abend im Wossidlo-Club, einer Eckkneipe mit historischen Wurzeln – und auch der letzten dieser Plattenbau-Eckkneipen, die bis jetzt als Community Space überlebt hat. Anwesend sind vier Teilnehmer. Ich bin die einzige, die tatsächlich in Schmarl wohnt. Andere sind von den Organisationen, die den armen Plattenbaueinwohnern helfen wollen. Jemand anders ist hier, weil er eine Meinung hat. Und der Betreiber der örtlichen Kneipe, der nicht selbst hier wohnt oder arbeitet, der aber die Kneipe mit der Auflage betreibt, etwas mehr für die Nachbarschaft zu organisieren.

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Kurz nachdem die örtliche Wohnungsgenossenschaft die alte Eckkneipe gekauft, etwas saubergemacht und dann der Community als Veranstaltungsort für neue Ideen angeboten hatte, war ich mal hingegangen und habe über Stricknachmittage geredet. Allerdings ist es eine Raucherkneipe, und man musste erstmal lüften. Das war ein Nein von mir.

2.

Es wäre schön, einen Veranstaltungsort für die Altersgruppe 20 – 50 zu haben, der nicht in Arbeitslosenzentren oder Seniorenhäusern ist. Deshalb halt meine Idee mit den Funky Music Nights in einem sehr seltsam rustikalen Lokal – aber da habe ich jetzt gelernt, dass Ironie hier nicht so funktioniert.

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3.

Als wir noch auf den eigentlichen Organisator warten, haben wir schon eine angeregte Vorstellungsrunde gestartet. Als der Organisator dann kommt, könnte er uns eigentlich einfach zuhören, stellt sich aber hin und erzählt. Ein zweiter Minuspunkt: das komplette Fehlen der eigentlichen Zielgruppe wird mit keinem Wort erwähnt.

Als sich dann irgendwann doch wieder eine Diskussion herausbildet, spricht die Teilnehmerin von BIWAQ, die mit dem Kneipenbesitzer daran arbeitet, seine Auflagen zu erfüllen (er hat eine sehr niedrige Miete, weil er an Community Cohesion arbeiten soll), über diese armen Stadtteile, wo man sich doch abends nicht auf die Straße wagen kann, und ich wehre mich.

Ich wohne nämlich hier, ich rede mit den Leuten, und ich weiß, dass es nicht so ist, wie man denkt, wenn das alles nur in den Medien kennt und ab und zu mal vorbeifährt. Klar, ich fühlte mich auch erstmal anders – ich war schließlich 29 Jahre weg. Aber fürchte mich nicht, irgendwo nachts allein langzugehen. Ich bin nie angefeindet worden, seit ich hier bin, mein Kind auch nicht, und als wir zusammen mit einem Freund, der auch ganz offensichtlich nicht von hier ist, essen gegangen sind, war auch alles völlig ok. Und (toi toi toi) ich habe auch schon vergessen, mein Fahrrad anzuschließen, und das war dann auch noch da. Vieles funktioniert einfach. Aber wenn die Menschen, denen zugehört wird (und die auch die Fördergelder kriegen) mir ständig erzählen, wie schlimm es hier ist, und ich glaube es ihnen – ist das dann nicht genau das Gegenteil, von dem was hier gebraucht wird?

Es gibt sehr erfolgreiche Leute hier im Stadtteil, es gibt unglaublich viele, die Interessantes zu erzählen haben. Aber wenn man nicht hier lebt und sich nur hier aufhält, wenn den Armen mal wieder erzählt werden muss, wo es lang gehen soll, trifft man die nicht.

4.

Für mich persönlich ist es immer noch eine steile Lernkurve, hier zu sein. Die, die hier so nett, aber ungebeten helfen wollen, sind die Leute, mit denen ich mich ja eigentlich identifiziere. In London zählte ich Menschen wie Tessy Britton, die die Organisation Participatory City gegründet hat und genau auf diesem Gebiet sehr erfolgreich ist, zu Freunden. Ich wäre auch lieber in die KTV (das Rostocker Szeneviertel) gezogen. Aber dann war ich letztes Wochenende beim jährlichen Open Air Festival in der KTV, und es waren ganz offensichtlich doch nicht meine Leute.

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Ist das etwa die Middle Class Anxiety, die Grayson Perry im zweiten Teil seiner Serie über Geschmack und Klasse erwähnt?

‚Wir sind alle sehr gute Menschen und wollen nur das Beste, wir sind die Grünen und die, die sozial alles zum Guten wenden wollen, aber wenn du ein paar Kilo zu viel wiegst, nicht die richtige Kleidung hast oder nicht die richtige Bräune, kann kannst du leider nicht zu uns gehören.‘ Und vielleicht kann man mit dieser Haltung, die eigentlich keine Andersartigkeit zulässt, ja Menschen nicht wirklich zuhören und so auch ihre Probleme nicht lösen?

5.

Moment mal. Fühle ich mich jetzt etwa hier in der Platte zu Hause?

Ich weiß genau, wie das ist, wenn man irgendwo gerade mal zehn Minuten war, einen Blick auf die Situation geworfen hat und genau weiß, was das Beste für die armen Leute dort ist. (Entschuldige bitte, Nigeria.)

Hier ist etwas Lesematerial über dieses Thema, auch von Menschen, die in Afrika leben und darunter leiden, wie ihre Heimat hier bei uns standardgemäß dargestellt wird. Und jetzt weiß ich dann auch ein ganz klein wenig, wie sich das anfühlt.

„Die reduktive Verführung der Probleme anderer Leute“

„Dein weißer Retterkomplex schadet meiner Entwicklung“

6.

Als ich zu Hause über diesen Abend erzählt habe, war dann die Frage, wie ich es anders machen würde. Und ja, mein erster Schritt ist immer noch, eine Community von Erwachsenen aufzubauen und Veranstaltungen zu organisieren. Und viele, viele Gespräche mit Zeitzeugen und interessanten Leuten zu führen – als Veranstaltung, Podcast oder einfach persönlich.

Ob jetzt irgendwas in diesem ironisch-coolen Lokal geht, muss sich dann noch zeigen.