„Leute mitnehmen“?

Ich war wieder auf Veranstaltungen über digitale Themen. Die letzte war ein digitales Brunch. Leute saßen vier Stunden lang in einem großen Raum, hörten ein paar Männern zu, danach fragte jemand ob es irgendeinen Tipp gäbe, was man machen kann, das allen hilft.

Die Antwort? „Das ist individuell und es gibt keine Lösung, die für alle funktioniert.“

Ich war zu spät zu der Veranstaltung gekommen – ich war erst im Heimatmuseum ehrenamtlich tätig. Das Publikum, auch nach zwei Stunden, war unheimlich geduldig, weil man wahrscheinlich gehofft hat, etwas Praktisches mitnehmen zu können. Aber zum Schluss verkaufte der Organisator seine Dienstleistung, und das war es.

Die Veranstaltung hatte keinen Hashtag, damit auch keine Online-Präsenz. Ich saß glücklicherweise neben dem Vertreter der Stiftung, die Träger der Veranstaltung war, und hatte ein gutes Gespräch mit ihm. Aber das undercover Vernetzen  ging auch nicht: nachdem ich einen Hashtag erfunden hatte, fand ich heraus, dass er nicht korrekt war, weil es nicht ein Brunch dieser Organisation war, die da an der Wand stand.

Wenn der Hashtag schon in der Planung der Veranstaltung entwickelt geworden wäre und so von den Veranstaltern überall betont worden wäre, hätten sich die Teilnehmer damit vernetzen können und so schon zwei ihrer Probleme lösen können: Dass man nicht verbunden ist und nicht miteinander kommuniziert, und dass die ganze Veranstaltung Geld und Zeit kostete und nicht so viel gebracht hat.

Außer dem Organisatoren, der hoffentlich viel Interesse für seine Beratungsangebote bekommen hat.

Ich sage es mal wieder:

  • Es gibt keinen Grund, in Rostock nicht auch Veranstaltungshashtags anzubieten.
  • Veranstaltungshashtags bilden eine praktische Erfahrung von digitaler Kommunikation, die man Teilnehmern in einem Raum bieten kann. Keinen Hashtag anzubieten, heißt, man macht seinen Job als digitaler Berater nicht.
  • Wenn ich einen Veranstaltungshashtag suche und nicht finde, macht der Veranstalter seinen Job auch nicht richtig.
  • Das alles kann und muss geplant werden.
  • Und endlich, um zu meinem Titel für diesen Post zu kommen: So muss digitale Transformation auch mit Expertise und Verständnis geplant werden. Kommunikation ist persönlich und ändert sich nicht einfach, weil andere Technologie vorhanden und irgendwo dokumentiert ist. Der Nutzen neuer Kommunikationsmethoden muss demonstriert werden, so dass er für erwachsene, intelligente Leute offensichtlich ist. Und das passiert an verschiedenen Stellen, aber es kann in solchen Räumen, in denen wir uns befinden, um zu lernen, besonders einfach und ohne große Aufwendungen geschehen. Wenn man so über digitale Kompetenzen denkt, sind Menschen kein nachträglicher Einfall, die irgendwann, an irgendeinem Punkt „mitgenommen“ werden müssen.

Naja, ich hatte ein paar positive Gespräche. Keine Jobangebote oder Hilfsangebote oder Nachfragen oder ähnliches.

Ich würde mich mit einer Art Job zufriedengeben. Aber es scheint wirklich, dass ich nur ernstgenommen werde, wenn ich meine futuristische Art zu arbeiten mit den traditionellen Zeichen eines erfolgreichen Gewerbes kombiniere. Büro, Unternehmen, Telefonnummer, Angestellte.

Sicher, dann machen wir das halt jetzt.

(Das hört sich resigniert an, ich bin aber ziemlich inspiriert und habe sogar schon potentielle Mitstreiter und einen fünfseitigen Business Plan. Ich werde mir nicht noch einmal gefallen lassen, dass ein Schlagwort, das plötzlich für Unternehmen interessant und damit mit Geld beworfen wird, von Beratern ausgebeutet wird, die zwar kaufmännisch gut aufgestellt sind, aber sonst keine Expertise haben.

So war das schon einmal vor zehn Jahren, als Social Media modern wurde. Und es tut mir ja leid, dass ich jetzt manchmal Organisationen, die schon in diese geschäftstüchtigen Berater investiert haben, sagen muss, dass es besser gehen kann und muss. Ich weiß ja, dass ich mir damit keine Freunde mache.

Aber wir haben nicht noch zehn Jahre Zeit, um unsere Fehler zu bemerken.)

 

 

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Wer hat Angst vorm Plattenbau?

Ich habe ein paar bewegte Tage hinter mir. Vierteljährlichen Hautkrebs-Tüv ohne Probleme bestanden, bei Professor Baumbach zu Hause gewesen, und das war nur ein Tag. Mich über junge, linke, alternative Leute aufgeregt, die lieber auf die Straße gehen, um auf ihr Recht auf billigen Wohnraum im Stadtzentrum zu pochen, als ihre kreative Energien in die Plattenbau-Stadtviertel zu stecken. Und wieder ein Artikel über die soziale Trennung in Rostock.

Zeit, meiner Kampagne für mehr Kunst und Kultur im Plattenbau einen Namen zu geben. Na, WER HAT ANGST VORM PLATTENBAU?

Wie werden diese Viertel gesehen? Als soziale Brennpunkte, als Problemviertel, als Armenviertel.

Wieviel Kunst und Kultur gibt es im Rostocker Nordwesten mit seinen 47.000 Einwohnern für 20 bis 60-Jährige? Kaum welche.

Wer wird trotzdem für die Probleme beschuldigt? Laut OZ:

Aus Sicht der Stadtverwaltung ist die Hauptursache für diese Entwicklung der industrielle Wohnungsbau zu DDR-Zeiten.

Wir brauchen Kunst in der Platte, und wir brauchen Kunst über die Platte, darüber, wie sie sich selbst versteht. Ich bin in der Platte aufgewachsen, war dann lange weg und dann 2017 zurückgekommen, und ich weiß, dass dazwischen etwas schief gelaufen ist. Vorher waren es ganz normal populäre Wohnungen für ganz normale Leute, die alle wie alle anderen auch arbeiten gegangen sind.

Jetzt sind es plötzlich nur die da ganz #unten, die hier wohnen. Und sogar die Linken und Alternativen, die doch so gute Menschen und so kreativ sind, haben Berührungsängste und keine wirkliche Ahnung, wie es hier ist.

Die haben wirklich Angst.

Hat das etwas mit denen zu tun, die in diesen Vierteln wohnen? Ich wohne hier, und ich mache eine ganz andere Erfahrung. Ist es eher das Image dieser Viertel als „Problem“ und „schwach“, das von gut gemeinten Projekten immer noch vertieft wird?

Zitat aus dem Projekt „Kreise Ziehen“ der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst:

Wie entstehen Stereotypen von Orten, wie werden sie von außen gesetzt und von innen angenommen und weitergeführt? Wie operieren Bildstrategien in der Peripherie, die nicht von außen ein ›Image‹ überstülpen, sondern von den Bewohner_innen mit Eigensinn erarbeitet wurden?

Dazu ist die Entwicklung dieser Stadtteile wichtig. Der erste Schritt dieses Projektes ist also, ungenutzte Schaufenster mit Material aus den Archiven von Ulrich Müther und Professor Peter Baumbach zu füllen. Dazu gehören auch Arbeiten von Studenten, die sich mit diesen Bauten beschäftigen. Reproduktionen von Postern aus der Zeit. Fotografien mit dem Plattenbau als Fokus. Etc etc.

Dann als zweiter Schritt wäre ein permanenter Platz für Kunst in der Platte natürlich schön. Man könnte Menschen aus dem Netzwerk Ostmoderne einladen und Kunst und Veranstaltungen anbieten. Lesungen aus neuen Büchern zum Thema. Das Projekt Urbaner Kulturen. Es gibt auch die Neuen Auftraggeber, die diese Art Projekte unterstützen.

Jetzt ist das Wichtigste, dass wir auch die Immobilienverwalter auf unsere Seite bekommen. Im ersten Schritt werden keine Läden für Publikum geöffnet, sondern nur um zu säubern und Schaufenster zu gestalten. Das vereinfacht die Sache.

IMG_0613Falls wir mit zwei Läden anfangen können, ist der Schwerpunkt die Kolumbuspassage, die alle Fußgänger und Radfahrer begrüßt, die von der S-Bahn nach Schmarl kommen, und wo es auch bei der Bäckerei viel Fußfall gibt. Von dort kann sich das Projekt auf die gesamte Passage ausbreiten, ins Schmarl Zentrum und auf weitere Stadtteile. Material gibt es genug.

Was an diesem Punkt der Ausweitung sehr gut wäre, ist eine zentrale Anlaufstelle, wo leere Läden registriert werden können, die an dem Projekt teilnehmen werden, und wo sich Immobilienverwalter beruhigen können, das das alles eine gute Idee ist. Da würde das Katasteramt eventuell zuständig sein. Dort kann man dann Materialien über frühere Projekte dieser Art in anderen Städten sammeln – international gibt es die Empty Shops Network und auch in Deutschland gibt es viele Nachweise dafür, das solche Projekte ihre Umgebung positiv verändern und auch für die Besitzer und Verwalter der Immobilien Wert schaffen, weil die Umgebung „aufgewertet“ wird.

Alles ist besser als leere Fenster und verkommende Passagen.

Arbeiten aus und zum Müther-Erbe, Materialen aus dem Archiv von Professor Baumbach, das auch gerade in Berlin ausgestellt ist, Poster und Postkarten aus den Zeiten, in denen diese Viertel und diese Architektur nicht #unten waren. Das wäre ein Anfang.

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Ein Teil der Ausstellung des Müther-Archivs zur Verleihung des Titels „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ an den Teepott in Warnemünde

Gut gemeint

In English

Dieser Post hat nicht unbedingt etwas mit Technologie zu tun – außer vielleicht in der Hinsicht dass, wenn die betreffenden Personen ein wenig besser vernetzt wären, sie vielleicht mit ihren Aufgaben etwas aufmerksamer umgehen würden, vielleicht nicht in die erste Falle der Probleme anderer Leute gestolpert wären. Oh ja, und dann ist da noch die Plattform, die Organisatoren eigentlich dazu nutzen könnten, ohne die Engpässe der Zeitungen über ihre Veranstaltungen zu informieren, über die man aber viel aktiver informieren müsste. Also doch wieder das Internet.

Aber fangen wir am Anfang an.

Ich wohne also jetzt in Rostock. In einem der ärmsten Stadtteile im ärmsten Bundesland. Für mich war es dennoch eine gute Entscheidung, aus London gerade hier herzuziehen: Gute Luft, schöne Wohnungen, alles funktioniert, Wohnungsgenossenschaften, von denen man im Ausland nur träumen kann, Radwege bis an die See, und ist da auch noch meine Gesundheit, die letztes Jahr schwer angeschlagen war, also waren die Ärzte und Therapeuten vor der Tür nicht unwichtig. Wenn uns jemand hier besucht, findet man es meist sehr schön und ist eigentlich überrascht, dass diese Viertel einen so schlechten Ruf haben.

Ich bin natürlich von der Londoner „Mixed and balanced communities“-Strategie verwöhnt – sie wirkt sich in der Wirklichkeit so aus, dass es in jedem Postcode eine Mischung aus allen Einkommens- und sozialen Gruppen gibt. Und so gibt es keine Ghettobildung. Man kann in jedem Postcode alle Arten von Menschen finden.

In Deutschland ist das nicht so. Soziale Gruppen halten sich geographisch getrennt.

Hier bin ich in der Gegend des Prekariats, der ehemaligen konsumorientierten Arbeiterklasse (vor 1990 war eine Wohnung hier in Schmarl ein Statussymbol, aber davon reden wir jetzt lieber nicht.) Es gab einen großen Brain Drain, damit einhergehend viel Armut und Vereinsamung. Damit gibt es natürlich auch Organisationen, die sich mit diesen Problemvierteln beschäftigen (natürlich nicht auf der Ebene der Stadtplanung.)

Am Donnerstag war ich das erste Mal bei einer Veranstaltung hier in meinem Stadtteil Schmarl dabei, die auf dieser Basis organisiert worden war. Hier ist mein Bericht.

1.

Es ist ein Donnerstag Abend im Wossidlo-Club, einer Eckkneipe mit historischen Wurzeln – und auch der letzten dieser Plattenbau-Eckkneipen, die bis jetzt als Community Space überlebt hat. Anwesend sind vier Teilnehmer. Ich bin die einzige, die tatsächlich in Schmarl wohnt. Andere sind von den Organisationen, die den armen Plattenbaueinwohnern helfen wollen. Jemand anders ist hier, weil er eine Meinung hat. Und der Betreiber der örtlichen Kneipe, der nicht selbst hier wohnt oder arbeitet, der aber die Kneipe mit der Auflage betreibt, etwas mehr für die Nachbarschaft zu organisieren.

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Kurz nachdem die örtliche Wohnungsgenossenschaft die alte Eckkneipe gekauft, etwas saubergemacht und dann der Community als Veranstaltungsort für neue Ideen angeboten hatte, war ich mal hingegangen und habe über Stricknachmittage geredet. Allerdings ist es eine Raucherkneipe, und man musste erstmal lüften. Das war ein Nein von mir.

2.

Es wäre schön, einen Veranstaltungsort für die Altersgruppe 20 – 50 zu haben, der nicht in Arbeitslosenzentren oder Seniorenhäusern ist. Deshalb halt meine Idee mit den Funky Music Nights in einem sehr seltsam rustikalen Lokal – aber da habe ich jetzt gelernt, dass Ironie hier nicht so funktioniert.

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3.

Als wir noch auf den eigentlichen Organisator warten, haben wir schon eine angeregte Vorstellungsrunde gestartet. Als der Organisator dann kommt, könnte er uns eigentlich einfach zuhören, stellt sich aber hin und erzählt. Ein zweiter Minuspunkt: das komplette Fehlen der eigentlichen Zielgruppe wird mit keinem Wort erwähnt.

Als sich dann irgendwann doch wieder eine Diskussion herausbildet, spricht die Teilnehmerin von BIWAQ, die mit dem Kneipenbesitzer daran arbeitet, seine Auflagen zu erfüllen (er hat eine sehr niedrige Miete, weil er an Community Cohesion arbeiten soll), über diese armen Stadtteile, wo man sich doch abends nicht auf die Straße wagen kann, und ich wehre mich.

Ich wohne nämlich hier, ich rede mit den Leuten, und ich weiß, dass es nicht so ist, wie man denkt, wenn das alles nur in den Medien kennt und ab und zu mal vorbeifährt. Klar, ich fühlte mich auch erstmal anders – ich war schließlich 29 Jahre weg. Aber fürchte mich nicht, irgendwo nachts allein langzugehen. Ich bin nie angefeindet worden, seit ich hier bin, mein Kind auch nicht, und als wir zusammen mit einem Freund, der auch ganz offensichtlich nicht von hier ist, essen gegangen sind, war auch alles völlig ok. Und (toi toi toi) ich habe auch schon vergessen, mein Fahrrad anzuschließen, und das war dann auch noch da. Vieles funktioniert einfach. Aber wenn die Menschen, denen zugehört wird (und die auch die Fördergelder kriegen) mir ständig erzählen, wie schlimm es hier ist, und ich glaube es ihnen – ist das dann nicht genau das Gegenteil, von dem was hier gebraucht wird?

Es gibt sehr erfolgreiche Leute hier im Stadtteil, es gibt unglaublich viele, die Interessantes zu erzählen haben. Aber wenn man nicht hier lebt und sich nur hier aufhält, wenn den Armen mal wieder erzählt werden muss, wo es lang gehen soll, trifft man die nicht.

4.

Für mich persönlich ist es immer noch eine steile Lernkurve, hier zu sein. Die, die hier so nett, aber ungebeten helfen wollen, sind die Leute, mit denen ich mich ja eigentlich identifiziere. In London zählte ich Menschen wie Tessy Britton, die die Organisation Participatory City gegründet hat und genau auf diesem Gebiet sehr erfolgreich ist, zu Freunden. Ich wäre auch lieber in die KTV (das Rostocker Szeneviertel) gezogen. Aber dann war ich letztes Wochenende beim jährlichen Open Air Festival in der KTV, und es waren ganz offensichtlich doch nicht meine Leute.

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Ist das etwa die Middle Class Anxiety, die Grayson Perry im zweiten Teil seiner Serie über Geschmack und Klasse erwähnt?

‚Wir sind alle sehr gute Menschen und wollen nur das Beste, wir sind die Grünen und die, die sozial alles zum Guten wenden wollen, aber wenn du ein paar Kilo zu viel wiegst, nicht die richtige Kleidung hast oder nicht die richtige Bräune, kann kannst du leider nicht zu uns gehören.‘ Und vielleicht kann man mit dieser Haltung, die eigentlich keine Andersartigkeit zulässt, ja Menschen nicht wirklich zuhören und so auch ihre Probleme nicht lösen?

5.

Moment mal. Fühle ich mich jetzt etwa hier in der Platte zu Hause?

Ich weiß genau, wie das ist, wenn man irgendwo gerade mal zehn Minuten war, einen Blick auf die Situation geworfen hat und genau weiß, was das Beste für die armen Leute dort ist. (Entschuldige bitte, Nigeria.)

Hier ist etwas Lesematerial über dieses Thema, auch von Menschen, die in Afrika leben und darunter leiden, wie ihre Heimat hier bei uns standardgemäß dargestellt wird. Und jetzt weiß ich dann auch ein ganz klein wenig, wie sich das anfühlt.

„Die reduktive Verführung der Probleme anderer Leute“

„Dein weißer Retterkomplex schadet meiner Entwicklung“

6.

Als ich zu Hause über diesen Abend erzählt habe, war dann die Frage, wie ich es anders machen würde. Und ja, mein erster Schritt ist immer noch, eine Community von Erwachsenen aufzubauen und Veranstaltungen zu organisieren. Und viele, viele Gespräche mit Zeitzeugen und interessanten Leuten zu führen – als Veranstaltung, Podcast oder einfach persönlich.

Ob jetzt irgendwas in diesem ironisch-coolen Lokal geht, muss sich dann noch zeigen.

#Olltopie

Ich arbeite an einem Kunstprojekt, das mir erlauben soll, meine verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen, und über das, was mich in den letzten zehn Jahren am meisten beschäftigt hat, anders zu reden. Soweit die Theorie.

Die Gegenwart

Praktisch hat es vor ein paar Wochen mit meinem öffentlichen Spinnen vor dem Heimatmuseum angefangen.

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Spinnen ist einfach schön. Schön einfach. Menschen freuen sich, wenn sie jemand an einem Spinnrad arbeiten sehen. Es gibt kaum etwas anderes, was man in der Öffentlichkeit machen könnte, das so viele Leute in allen Altersgruppen zum Lächeln bringt. Bis jetzt habe ich zwei Tage dort vor dem Museum gesessen. Ein Resultat davon ist, dass ich den Schal wieder aufgetrennt habe und jetzt einen größeren, dreieckigen stricke.

Da ist doch mehr Wind als ich erwartet habe.

Außer dem Schal arbeite ich jetzt an einem Namen für das Projekt. Eine Möglichkeit ist #olltopie. Oll ist plattdeutsch für alt, plus Utopie. Oll funktioniert in ganz Deutschland, hoffe ich, das muss ich noch prüfen.

Utopie ist eine idealisierte Zukunftsvorstellung, und Olltopie ist eine idealisierte Zukunftsvorstellung von schrulligen alten Leuten. Das spielt auf das Spinnrad an, aber noch viel mehr hat es etwas mit meiner Versessenheit auf Hashtags zu tun, auf echten Austausch online, auf eine vernetzte Community, auf die Parallelität von online und realer Welt und was wir damit an Lebensqualität gewinnen könnten. Leuten von hier, auch jungen Leuten, ist das alles ziemlich egal. Whatsapp ist alles.

In vielen Zukunftsszenarien von sehr intelligenten Akademikern wird angenommen, dass wir einfach automatisch besser darin werden, durch neue Technologie einander auch virtuell nah zu sein, miteinander auch ohne persönliche Treffen gut zu arbeiten. Dazu muss man etwas von sich mitteilen, sonst gibt es kein Vertrauen. All das kann man aber nicht, wenn man es nie gelernt hat. Das können auch die jungen Leute nicht, wenn ihre Vorbilder nur Influencer sind. Wir können nicht einfach annehmen, dass junge Leute besser darin werden, Technologie zum Guten zu nutzen – aber darüber habe ich schon so viel gesagt.

Deshalb ja dieses Kunstprojekt.

Ich werde anfangen, den Hashtag beim Spinnen physisch neben mir aufzustellen. Dann, wenn ich ihn eine Weile ausprobiert habe und er mir immer noch gefällt, auch Visitenkarten drucken.

Die Emotionen, die nur ein Spinntag hervorruft, sind enorm. Wenn wir nur einen kleinen Teil davon in die Parallelwelt, die virtuelle Welt, bringen könnten, würden sie weiter wachsen. Und dann kann ich zeigen, was ich mit vernetzter online Community meine, statt nur darüber zu reden. Was anders ist, wenn man echte Verbindungen schafft. Und darüber lachen, weil der Hashtag auch nicht so ganz ernst ist. Mir ist das alles ernst, aber ich fühle, dass ich durch Verbissenheit gar nichts erreiche.

Die Zukunft

Die Resultate des Spinnens selbst, die Garne, werden physische Objekte, die ausgestellt werden können wie gewöhnliche Kunst, die berührt werden können, und die auf sanfte Weise – Wolle ist eben doch weich – durch Technologie mit menschlichen Gefühlen wechselwirken. Das wird dann wieder eine Chance, mit einer der neuesten digitalen Technologien, Robotern, zu interagieren, und über unsere Ängste anders zu denken.

Digitalisierung ist nicht Automatisierung. Unsere Menschlichkeit soll die digitale Welt formen. Dazu müssen wir etwas tun.

 

#JuliaPorath kann „Datensicherheit“ nicht mehr hören

Julia Porath ist die örtliche Influencerin. 19K Followers bei Instagram, 131K Likes auf Facebook, das macht sie zur größten Social-Media-Spezialistin des ganzen Landes Mecklenburg-Vorpommern.

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Julia Porath teilt meist visuelle Inhalte, also wusste man bis jetzt nicht so genau, was sie eigentlich über Facebook, Instagram und Co. dachte.

Jetzt hat die Ostsee-Zeitung einen Beitrag von Julia über Facebook und Datensicherheit veröffentlicht. Eine Social-Media-Spezialistin, die die Lokalzeitung als Sprachrohr nutzt? Ein Traum! Wir sollten doch eigentlich in Rostock eine gut informierte, wunderbar vernetzte Bevölkerung haben.

Ach nein, Influencer kümmern sich ja nicht um Community, um Verbindungen zwischen Menschen, sondern um ein passives Publikum. Und Influencer verbinden sich auch nicht wirklich mit anderen. Wenn Julia auch nur einen anderen Artikel über Facebook und Daten gelesen hätte, würde sie wissen, dass es nicht um Telefonnummern geht.

Den Twitter Thread here zum Beispiel.

Dass wir soviel darüber reden, ist, weil wir selbst bestimmen wollen, wie Technologie in Zukunft unser Leben beeinflusst. Sorry wenn dir das auf die Nerven geht, Julia.

Und dieses „hier ist meine Telefonnummer! Haha, die zum Studio, ich bin ja so lustig!“ Wie sieht man hier eigentlich sein Publikum? Gibt es den Wunsch, Menschen dabei zu helfen, sich online zurechtzufinden, oder dient das alles nur der eigenen Popularität?

Ich frage, ich lerne

Diese Woche war ich zum zweiten Mal in meiner alten/neuen Heimatstadt „networken“. Es war weniger verwirrend als das erste Mal. Ich kann jetzt genauer beschreiben, was mich befremdet, und das freut mich, weil ich dann besser entscheiden kann, was daran einfach die Natur der Mecklenburger ist und wo ich eventuell etwas beizutragen hätte.

IMG_6425Zunächst mal habe ich gelernt, warum der Hashtag nicht genutzt wird, obwohl er Teil des Branding ist – einer der Gründer des Events hat eine App gemacht, die es erlaubt, anonym Fragen zu stellen, also wird die genutzt. Und das ist ja auch unternehmerisch gut gedacht, obwohl es den Teilnehmern weniger nützt. Es werden keine Verbindungen untereinander geschaffen. Aber die App wird genutzt, und das freut alle, die dazu Geld gegeben haben, und auch den Chief Digital Officer der Uni.

IMG_6431Das finde ich aus einem anderen Grunde interessant. Die Events, die mir bisher am meisten gebracht haben – allen voran Localgovcamp – waren das genaue Gegenteil. Branding gab es nicht, die T-Shirts sahen jedes Mal anders aus, aber einen starken Namen, eine Idee, Gründer, die ein Interesse daran hatten, ihren Teilnehmern so sehr wie möglich zu nutzen. Einen Hashtag, der zentral war. Hier gibt es zwar starkes Branding, aber weil die persönlichen Interessen der Leute, die den Hashtag tragen, woanders liegen, hat es keine Wirkung. Zumindest der Hashtag nicht.

Screenshot from 2018-04-14 08-45-08Ich stelle mir vor, hier etwas gründen zu wollen bedeutet, dass man ein Vorhaben, das irgendwie mit Technologie zu tun hat, immer wieder Lehrern, Bankangestellten und Leuten, die EU-Gelder vergeben, erklären muss. Die stellen immer die gleichen Fragen. Weiß man denn, wie man werben wird, wer die potentiellen Kunden und die Konkurrenz sind? Wie wird man wachsen und im nächsten Jahr mehr Geld machen als in diesem? Die fragen nicht, wie man das Leben der Menschen, die mit dem Produkt in Verbindung kommen, verbessern wird. Denn zu viel Herz und Gewissen im Geschäftsleben bedeutet nichts anderes für den Investor, als dass die Investition in Gefahr ist.

Wer profitiert schon davon, dass sich Menschen zu einem starken, dezentralen Netzwerk verbinden?

Und natürlich habe ich versucht, mit so vielen Teilnehmern wie möglich zu sprechen, es war schließlich ein Networking Event. Ich bin im richtigen Leben genauso enthusiastisch über dieses Thema, also rede ich viel mit allen darüber, dass man doch so schön den Hashtag, der ja doch überall steht, benutzen könnte. Ich bekomme dann die Antworten, dass man da doch keine Kunden findet, und dass es in Firmen einfach nicht die Leute gibt, die die Zeit und Expertise haben. Interessanterweise wusste der Gründer der App, wovon ich rede, für andere ist Twitter nur eine Plattform für Social Media Marketing.

Deswegen ist es doppelt schade, dass die Events nicht aktiv Leute ermutigen, den Hashtag zu nutzen, denn dann hätten Teilnehmer sofort eine praktische Demonstration der direkten Vernetzung.

Natürlich sind Rostocker im Allgemeinen nicht gerade kommunikationsfreudig, aber ich meine immer, das Leute, die zu einem Networking Event gehen, schon etwas Bereitschaft zeigen, über ihren Schatten zu springen. Obwohl ich mir gar nicht mehr so sicher bin, dass ich da richtig liege – es war zeitweilig mehr wie ein Klassenzimmer, mit den gleichen Disziplinproblemen, als wie ein Zusammenkommen von Erwachsenen, die alle etwas bewegen wollen.

Eine andere Sache, die mir klar geworden ist, ist, dass man, um etwas anders zu machen, einen Druck spüren muss. Hier scheinen alle sehr erfolgreich zu sein. Frauen sind sogar mit den üblichen Pyramid Schemes sehr erfolgreich. Vielleicht, weil alles hier immer noch irgendwie neu ist. Oder vielleicht, weil man immer mehr Erfolg suggeriert, als wirklich da ist – Ehrlichkeit ist ja auch etwas, das im Geschäftsleben verpönt ist.

Es scheint also immer noch sehr viele unüberwindliche Hindernisse dafür zu geben, dass Menschen sich hier dezentral zu einem starken Netzwerk verbinden. Aber nichts ist unmöglich.

Warum ist hier keiner online?

Ich habe es endlich geschafft! Mein erstes Networking Event in meiner eigenen Heimatstadt Rostock! Es ist alles nicht mehr nur Theorie! Ich weiß jetzt wie Leute Social Media benutzen, die echt was bewegen wollen!

Und ich habe eine Frage.

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Die Hashtags vorbildlich vorgestellt

Warum geht man zu einem Event und vernetzt sich dann nicht online? Warum passiert nichts unter dem Hashtag auf Twitter? Oder dem anderen? Ja, spezifisch Twitter. Mit einem Hashtag arbeitet man am besten auf einer offenen Plattform, wo kein unsichtbarer Algorithm für uns entscheidet, was wir sehen können.

Wenn man einem Hashtag folgt, sieht man alle anderen, die auch mit dem Hashtag posten, die also da sind, oder auch etwas Interessantes zum Thema beizutragen haben. Die erzählen dann, was sie da wollen, oder was sie generell wollen und woran sie arbeiten, und wenn man das interessant findet, kann gezielt zu ihnen gehen, sich persönlich treffen, und hat eine wertvolle Verbindung.

Nach dem Event kann man sich gegenseitig folgen. Damit erreicht man eine lose, aber trotzdem aktive Beziehung, die über Jahre existieren und wachsen kann. Das ist schließlich das Ziel beim Networking. Leute kennenlernen und Verbindungen aufbauen. Durch die persönliche Begegnung können diese Verbindungen sogar ohne weitere physische Nähe wachsen und echte, vertrauensbasierte Beziehungen werden.

Wenn man sich gegenseitig folgt – beim Event und auch danach – hat man Einblicke. Statt nur das Äußere einer Person zu sehen, erfährt man eine zusätzliche Dimension. Man sieht die Gedanken. Wenn das mit Offenheit gepaart ist, vernimmt man die wahren Kompetenzen, man schafft dadurch Vertrauen, man kann tatsächlich sogar als Mensch durch diese Verbindungen wachsen. Man macht Fehler, man lernt aus ihnen. Das Gegenteil vom Marketing passiert, man muss nicht immer perfekt erscheinen, und dadurch kann man so viel mehr machen.

Und deshalb hat man dann auch die Möglichkeit, von vielen Menschen zu hören, nicht nur denen, die natürlich laut sind und sich gern auf einer Bühne darstellen.

Und weil alle weniger auf Perfektion aus sind, können sie in diesen Beziehungen, die auf Vertrauen statt Wettbewerb basiert sind, selbstkritischer sein. Kritik ist da, weil nicht alles immer richtig ist. Aber wenn eine Verbindung auf persönlichen Kontakten basiert ist, gibt es Respekt. Man kann nur Troll sein, wenn man sich hinter einem Keyboard verstecken kann. Das Problem ist mit Events gelöst, hier kann sich keiner verstecken.

Wir alle brauchen doch eine digitale Präsenz, um unsere Arbeit ausführen zu können. Mit der man sich mit anderen Menschen verbinden kann, mit ihnen zusammen Projekte auf die Beine stellen und Dinge verändern kann. Je direkter diese digitale Präsenz mit unserer Identität verbunden ist, desto mehr können wir damit machen. Events sind der geeignete Nährgrund, diese Präsenz auf- und auszubauen, weil die besten Verbindungen immer noch auf der Basis einer persönlichen Begegnung wachsen.

Und das Marketing? Das funktioniert auch besser, weil es echt ist. Man muss sich keinen Content aus den Fingern saugen, oder ihn von Leuten kaufen, die weder von einem selbst, noch von dem, was man tut, eine Ahnung haben.

Und ja, niemand benutzt Twitter in Meck-Pomm. Aber es ist trotzdem so nützlich und bringt so viel mehr Wert, speziell zu Networking Events, dass man ja ganz einfach in kleinem Kreis anfangen kann und einem egal sein kann, was die Umwelt macht.

Kann man überhaupt ohne irgendeine digitale Dimension ein Netzwerk haben?